Windräder für die Republik: Sieben: Warum diese Zahl ganz Deutschland beschäftigen muss!

Die neue Regierung muss für sieben neue Windräder pro Tag sorgen. Das hat ein stern-Expertenbeirat herausgearbeitet. Nur mit ihnen kann Deutschland seine Klimaziele erreichen. Das kann durchaus gelingen.

Windräder für die Republik: Sieben: Warum diese Zahl ganz Deutschland beschäftigen muss!

Die neue Regierung muss für sieben neue Windräder pro Tag sorgen. Das hat ein stern-Expertenbeirat herausgearbeitet. Nur mit ihnen kann Deutschland seine Klimaziele erreichen. Das kann durchaus gelingen.


Sieben. Diese Zahl hat Frank Brösse viele Jahre in Atem gehalten. Der Manager hockt in 140 Meter Höhe auf einem Windrad. Sein Blick schweift über den Münsterwald. Ein wackeliger Aufzug im Stahlturm hat ihn hinaufgehievt. Sein Elektro-SUV am Boden wirkt nur noch daumengroß. Sieben solcher Anlagen hat der Geschäftsführer der Aachener Stawag Energie GmbH in dem Forst südlich der Domstadt bauen lassen. Elf nervenraubende Jahre hat das gedauert. An diesem Novembertag wirkt alles versöhnlich. Die Sonne strahlt auf die 54 Meter langen Flügel, die sich gelassen in der kalten Brise drehen. Der Windpark ist eine Etappe zu dem anspruchsvollen Ziel, das der 54-Jährige sich gesetzt hat: "2030 wollen wir Aachen komplett mit klimaneutraler Energie versorgen."

Sieben. Diese Zahl muss künftig ganz Deutschland beschäftigen. Denn der Staat muss für den Bau so vieler Windräder ab sofort sorgen – und zwar jeden Tag. Sonst kann er die Selbstverpflichtung, die er 2015 auf der Pariser Klimakonferenz abgegeben hat, niemals erfüllen, nämlich nach Kräften mitzuhelfen, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten.

Tatsächlich durchlebt die Republik gerade eher eine Energiewende rückwärts. Im windarmen ersten Halbjahr 2021 wurde überraschend wieder mehr Strom aus Kohle gewonnen als aus Wind. Ein Grund: Mit nur rund 31 100 Anlagen, die am Netz sind, lassen sich Flautezeiten nicht meistern. Der Ausbau stockt seit Jahren. 2020 wurde statistisch nur gut ein Windrad pro Tag erbaut. 2021 wird ähnlich mau. Auf See ist der Zubau komplett eingeschlafen.

Die Forderung "Sieben am Tag" ist keine Pi-mal-Daumen-Schätzung

Sie beruht auf der Expertise eines Expertenbeirats aus weltweit anerkannten Fachleuten. Der stern hat das Gremium einberufen, um die vielleicht wichtigste politische Zukunftsfrage zu beantworten: Was muss die neue Bundesregierung, die wahrscheinlich eine Ampel sein wird, sofort in die Wege leiten, um das Klimaversprechen von Paris noch einhalten zu können? Dem Beirat gehören an:

Claudia Kemfert, Wirtschaftswissenschaftlerin, Leiterin der Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität;

• Sabine Nallinger, Stadtplanerin und Vorständin der "Stiftung Klimawirtschaft", eines Interessenverbands, der die Klimapolitik von mehr als 30 Großunternehmen bündelt, darunter Aldi, Allianz, Deutsche Bahn, Otto, Telekom, Thyssenkrupp und Wacker Chemie;

• Volker Quaschning, Elektrotechnik-Ingenieur, Professor für Regenerative Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Mitgründer der Wissenschaftsinitiative "Scientists for Future";

• Antje von Broock, Politikwissenschaftlerin und Bundes-geschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der mit rund 664 000 Unterstützern Bürgerinteressen vertritt.

STERN PAID 47_21_Sollten wir wieder auf Atomstrom setzen?

Das Erlahmen der Energiewende kommt zur Unzeit. Die Klimakrise zeigt sich immer aggressiver: mit verheerenden Waldbränden, Stürmen, Hochwassern, Hitzewellen und Borkenkäferplagen. Dabei gibt es in der Politik, von der AfD abgesehen, kaum mehr Dissens: Außer durch Energiesparen kann das Land nur mit eigenem grünem Strom dazu beitragen, das Klima zu retten. Die Bundesbürger scheinen dazu bereit: Rund 80 Prozent wollen den Ausbau der Windenergie, besagt die jüngste Forsa-Umfrage dazu. Und es würde auch technisch funktionieren: Wind und Sonne können den deutschen Bedarf dreimal decken, haben britische Forscher von Aurora Energy Research berechnet.

Deshalb fordert der stern-Beirat, das Land nachhaltig zu elektrifizieren – ob in den Haushalten, im Verkehr oder in den Fabriken. Der Ausbau grüner Kraftwerke muss sich laut Professor Quaschning, je nach Energieeinsparung, vier- bis sechsfach beschleunigen. BUND-Geschäftsführerin Antje von Broock warnt: "Je länger wir zu wenig tun, desto dramatischer werden die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen."

stern Talk Aufruf Windkraft

Aber lohnt sich die Anstrengung überhaupt noch?

Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie es auf der Klimakonferenz in Glasgow am vergangenen Wochenende noch mal offiziell angestrebt wurde, ist kaum mehr zu schaffen. Das zeigten die Warnungen vieler Teilnehmer: Die Energiewende schreitet dafür global viel zu behäbig voran. Quaschning bezeichnet 1,75 Grad als "deutlich riskanter, aber auch deutlich wahrscheinlicher", ebenso seine Beiratskolleginnen. Aber auch diesen höheren Wert zu erreichen verlangt den Staaten alles ab. Denn sie dürfen dann nur noch insgesamt 850 Gigatonnen CO2 ausblasen. Das Budget klingt gigantisch, ist aber in Wahrheit erschreckend klein – vor allem für rastlos produzierende und konsumierende Industriegesellschaften.

Der deutsche Anteil an der Restmenge beträgt 6,7 Gigatonnen (Stand 2020). Das hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), dem stern-Beirätin Claudia Kemfert angehört, der Bundesregierung ausführlich dargelegt. Dieses Jahr werden die Deutschen rund 0,8 Gigatonnen davon in Anspruch nehmen. Das heißt: Sinken die Emissionen nicht, rutscht das nationale CO2-Konto schon 2028 in die Miesen.

Kommt der grüne Umbau dagegen in Fahrt, bleibt wohl bis Mitte der 2030er Jahre Zeit für die deutsche Klimaneutralität. Spätestens dann muss die gesamte Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Und dafür sind zusätzliche Windräder mit einer Leistung von ungefähr 145 Gigawatt nötig – was 30 großen Braunkohlekraftwerken entspricht. Tag für Tag müssen laut Quaschning deshalb etwas mehr als fünf leistungsfähige Anlagen neu aufgestellt werden. Hinzu kommen Altanlagen, die ersetzt, "repowert", werden müssen. Zusammen macht das knapp sieben Exemplare. Jeden Tag.

Die alte Bundesregierung hat diese Bilanz ignoriert

Noch im vergangenen August legte sie im neuen Klimaschutzgesetz das Jahr 2045 als Zielpunkt für die Klimaneutralität fest. Das wäre deutlich zu spät für die Pariser Beschlüsse. Wirtschaftsvertreterin Sabine Nallinger, Mitglied der Grünen, fordert dazu auf, "sich endlich ehrlich zu machen". Auch um eine florierende Wirtschaft sicherzustellen: "Jedes Unternehmen muss seinen Klimapfad entwickeln." Ihre Stiftung wurde gerade von "2 Grad" in "Klimawirtschaft" umbenannt. "Ein deutliches Zeichen", sagt sie: "Die Zeit der Zieldiskussionen ist vorbei. Wir stellen uns für die nächste Dekade auf, um die Klimaneutralität umzusetzen."

Würde man nur die Politik für die Misere verantwortlich machen, wäre das zu kurz gegriffen. Schuld ist auch die Bevölkerung. Die positiven Umfragen spiegeln sich zu oft im Alltag nicht wider. Es scheint, als unterlägen die Deutschen einer ähnlich groben Selbsttäuschung wie bei der nun wieder rabiat grassierenden Corona-Pandemie, in der sich Millionen nicht impfen lassen, obwohl die Wissenschaft den Vorteil eindeutig belegen kann.

Stawag-Energie-Chef Brösse weiß besonders gut, wo es hakt. Als er 2008 mit Mitarbeitern bei einem Spaziergang im Münsterwald das Windkraftprojekt ersann, waren alle optimistisch, weil es doch so vernünftig anmutete. Doch dann dauerte es sieben Jahre, bis die Genehmigung für den Bau vorlag. Erst 2019 konnte die letzte Anlage ans Netz gehen. Sieben Windräder in elf Jahren, das ist Brösses Realität. Wettbewerbern ergeht es kaum besser: Der Bau eines Windrads dauert in Deutschland durchschnittlich fünf und mehr Jahre. Ein Eigenheim ist in 30 Wochen bezugsfertig.

Energiemanager Frank Brösse auf einer Vestas V112: Er brauchte elf Jahre für den Bau von sieben Windkraftanlagen, die der Stadt Aachen Strom liefern.
Energiemanager Frank Brösse auf einer Vestas V112: Er brauchte elf Jahre für den Bau von sieben Windkraftanlagen, die der Stadt Aachen Strom liefern.
© Matthias Jung

Dabei habe er noch Glück gehabt, sagt Brösse. Der Stadtrat gab früh grünes Licht, die Ämter arbeiteten zügig: "Wenn man überhaupt Erfolg haben will, braucht man die Unterstützung von Politik und Verwaltung." Das ist nicht die Regel. Denn noch immer können Landräte, Bürgermeister oder Gemeinderäte den Zubau beliebig verzögern.

Doch in Aachen begehrte eine Bürgerinitiative auf, "sehr klein, sehr laut", sagt Brösse. Die schrieb an den Landesrechnungshof, im Münsterwald wehe kaum Wind, die Anlagen seien reine Steuerverschwendung. "Wir haben allein ein Jahr lang vor Ort Wind gemessen, um die falsche Behauptung zu widerlegen", so Brösse. Das verunsicherte Kreditgeber, Kommunalpolitiker – und sogar die eigenen Mitarbeiter. Eilverfahren folgten, die Monate dauerten, und teure Gutachterschlachten. Tier-, Natur-, Gesundheitsschutz – kein Argument ließen die Gegner aus.

Deutschland ist ein Dorado der Neinsager

Rund 290 Bürgerinitiativen gegen Windkraft hat das Rechercheteam "Europäische-Energiewende-Community" 2020 ausgemacht. Ihr Impetus: Manchmal Naturschutz, oft aber hätten sie "nur ein Problem mit tatsächlichen oder befürchteten persönlichen Nachteilen". Die Verweigerer sind gut verdrahtet. Zum Beispiel über das bundesweit agierende Anti-Netzwerk "Vernunftkraft". Es wird von Nikolai Ziegler geführt, der im Bundeswirtschaftsministerium in der Abteilung "Digital- und Innovationspolitik" arbeitet, die nichts mit der Energiewende zu tun hat. Laut Claudia Kemfert hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen festgestellt, dass oft auch drei Umweltverbände gegen Windkraft klagen. Antrieb sei nicht nur Umweltschutz, sondern teils auch Klimawandelskepsis.

Ob die Klimaneutralität 2035 gelingt, hängt also einerseits davon ab, wie gut Regierungen und Verwaltungen arbeiten. Antje von Broock sagt: "Wir brauchen den explizit geäußerten Willen von oben und das Personal, das ihn umsetzt." Andererseits braucht es Zustimmung von unten. Claudia Kemfert fordert "mehr Optionen, damit Kommunen und Bürger beteiligt werden und finanziell vom Windkraftausbau profitieren".

PAID Handelt jetzt Hunsrück

Wie das gelingen kann, zeigt ein Besuch in Neuerkirch im Rhein-Hunsrück-Kreis. Es geht auf Mittag zu, ein verregneter Novembertag, die Photovoltaikanlagen auf den Fachwerkhäusern liefern kaum Erträge. Dafür drehen sich neun Windräder auf einer Anhöhe. Neuerkirch hat die Energiewende bereits erledigt. Die Windanlagen produzieren fast 56-mal mehr Strom, als der Ort verbraucht. Auftrag übererfüllt.

An einem langen Besprechungstisch im Gemeindehaus sitzen Ortsbürgermeister Volker Wichter und Bernd Kunz, Regionalreferent der Energieagentur Rheinland-Pfalz. Anfangs, erzählt Wichter, waren auch seine Bürger gegen Windkraft: "Sie schimpften, die Investoren kassieren das Geld, und wir haben den Krach und Schattenschlag und eine zerstörte Landschaft." Bürgerinitiativen gründeten sich. Dann verabschiedete der Rat einen klugen Flächennutzungsplan: Windräder dürfen nur auf Gemeindegrund errichtet werden. Und das Pachtgeld fließt in die Gemeindekasse. Rund 200 000 Euro pro Jahr sind es nun zusätzlich, mehr, als der alte Haushalt hergab. Neuerkirch mutierte von einer armen zu einer vermögenden Gemeinde.

Energieberater Kunz, selbst Ortsbürgermeister im Kreis, sagt: "Man muss etwas machen, und der Bürger muss es sehen, sonst geht gar nichts." Neuerkirch hat das beherzigt: Ein elektrischer Renault Kangoo sowie zwei E-Fahrräder stehen zur Ausleihe bereit. Eine Ladestation haben sie am Fußballvereinsheim installiert. Wer eine Wärmepumpe kauft, eine Photovoltaikanlage oder einen effizienten Kühlschrank, wer sein Haus dämmt oder neue Fenster einbaut, bekommt einen Zuschuss direkt aus der Gemeindekasse. Straßen und Wege sind saniert, jeder Haushalt hat einen Glasfaseranschluss. Das Dorf ist gefragt. "Wir sind inzwischen ganz schön gewachsen, von 280 auf 320 Einwohner", sagt Wichter. "Es gibt viel zu wenig Bauland."

Ortsbürgermeister Volker Wichter verwandelte sein Dorf Neuerkirch dank Windkraft in eine prosperierende Ökogemeinde.
Ortsbürgermeister Volker Wichter verwandelte sein Dorf Neuerkirch dank Windkraft in eine prosperierende Ökogemeinde.
© Matthias Jung

Dann zeigt er den Stolz der Gemeinde: das Heizkraftwerk, das 500 Meter vom Gemeindehaus entfernt steht. Es wird CO2-neutral mit einer 1422 Quadratmeter großen Solaranlage und, wenn sie nicht ausreicht, mit Waldrestholz der Region betrieben. Über 150 Haushalte von Neuerkirch und der Nachbargemeinde Külz hängen daran – und freuen sich über stabile Heizkosten, während die Heizöl- und Gaspreise gerade explodieren. "All das wäre ohne die Einnahmen aus den Windrädern nicht möglich", sagt Wichter.

Über Zahlungen aus einem Solidaritätstopf profitieren sogar Nachbargemeinden ohne eigene Windräder von Neuerkirchs Erfolg, weil auch sie mit den Strommühlen leben müssen. So ähnlich läuft es im ganzen Kreis. Der Ideenreichtum hat inzwischen Delegationen aus 54 Nationen in den Hunsrück gelockt. Nur die Deutschen lernen offenbar nicht daraus. Klar, nicht jedes neue Windrad kann auf Gemeindegrund entstehen. Aber es gibt auch andere Wege. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erlaubt Betreibern, Orte im Umkreis von 2,5 Kilometern mit 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde zu beschenken. Sie müssen es nur tun. Berater Kunz wünscht sich auch, dass Bürger rund um die Anlagen billigeren Strom beziehen können. Forscherin Kemfert sagt: "Wenn man Partizipation schafft, ist die Akzeptanz sehr groß."

Aber wie befriedet man die Naturschützer?

Sie sehen Windräder vor allem als Bedrohung für Rotmilane, Störche und andere Vögel. Oder als Brutverhinderer. Laut Bundesnaturschutzgesetz, Paragraf 44, darf nur gebaut werden, wenn das Sterberisiko besonders gefährdeter Arten nicht "signifikant" erhöht sei. Was signifikant bedeutet, beschäftigt Ornithologen, Gutachter, Naturschutzbehörden und Verwaltungsgerichte. Viele Bundesländer legen Mindestabstände zu Brutplätzen fest. Wie viele Tieropfer es wirklich gibt, ist schwer zu sagen. Die umfangreichste Studie zeigt, dass Kollisionen wohl eher selten vorkommen.

Der Hamburger Windparkprojektierer Erneuerbare Energien Europa e3 möchte dem Problem technisch beikommen. "Mit Antikollisionssystemen können wir die pauschalen Abstände zu Vogelhorsten vermeiden oder zumindest verkleinern und so mehr Flächen für Windenergie nutzbar machen", sagt Moritz Stubbe, der Leiter von Vertrieb und Business Development. Einer von mehreren Tests läuft in der Nähe von Schwerin. Man erreicht das Versuchsfeld am Ende eines Schotterwegs. An einem Bauzaun hängt ein Schild: "Forschungsprojekt zum Schutz von Greifvögeln". Dahinter steht ein haushoher Turm mit neun Kameras, sie scannen den Himmel ab. Eine schwenkt rasch umher und nimmt Flugobjekte in den Fokus. An diesem Novembermorgen haben die Kameras wenig zu tun. Die Rotmilane sind längst auf dem Weg in den Süden.

Das System heißt Identiflight. Es stammt aus den Vereinigten Staaten und kann bestimmte Vogelarten mittels künstlicher Intelligenz schon auf eine Entfernung von bis zu einem Kilometer orten und erkennen. Auf seinem Laptop, der mit dem System verbunden ist, sieht Stubbe einen Punkt, der sich langsam gen Osten bewegt. "Unbekannter Vogel, 120 Meter Flughöhe", teilt der Rechner mit. Sobald ein Vogel einer gefährdeten Art zu nah an ein Windrad heranfliegt, berechnet der Computer das Kollisionsrisiko, und die Anlage kann auf etwa zwei ungefährliche Umdrehungen pro Minute heruntergefahren werden. In aufwendigen Messungen haben Gutachter die Funktionstüchtigkeit für Rot- und Schwarzmilane nachgewiesen, weitere Arten folgen gerade. Noch werden solche Antikollisionssysteme in Genehmigungsverfahren nur vereinzelt anerkannt, Bundesländer richten die Zulassung überwiegend weiter an starren Distanzregeln aus. Stubbe spürt jedoch ein Umdenken in Ministerien und Behörden. Es könnte den Beginn vom Ende eines langen Streits bedeuten – künstliche Intelligenz als Garant für den Artenschutz.

Können Windkraft und Artenschutz also harmonieren? "Die Antwort ist ja", sagt Naturschützerin van Broock. Natürlich müssten Umwelt- und Naturbelange stets berücksichtigt werden. "Wenn man das gründlich macht, dann funktioniert es aber." Der stern-Beirat fordert ein weiteres Gesetz: Bundesländer müssen künftig zwei Prozent ihrer Landfläche als Windkraftgebiete ausweisen. "Und zwar jedes Bundesland", betont Professorin Kemfert. Schaffen sie das nicht, sollen sie woanders Ausgleichsflächen suchen. Alle Flächen müssen vorab der Öffentlichkeit kommuniziert sowie auf Stromertrag und Naturschutz geprüft werden. Das würde Bauprozesse konfliktärmer machen und verkürzen. Gleichzeitig sollen die starren Abstandsregeln für Windräder in den Bauordnungen fallen: 1000 Meter zur nächsten Wohnbebauung oder gar, wie in Bayern, "10 H", die zehnfache Höhe der Windräder. Gültige Emissionsschutzgesetze etwa gegen Lärm reichten aus, um Bürgerinteressen zu wahren.

Beseitigen muss die neue Regierung ein weiteres Hindernis: Früher konnte, vereinfacht ausgedrückt, jeder Investor beliebig viele Windräder aufstellen. Für den Strom bekam er eine feste Vergütung nach dem EEG. Seit 2017 müssen sich Investoren in Ausschreibungen um diese Förderung bewerben. Den Aufwand können Konzerne stemmen. Mittelgroße Investoren – vielleicht. Kleine kaum. Vor allem Bürgerenergieprojekte, die für mehr Akzeptanz sorgen, bleiben auf der Strecke. "Das ist sehr hinderlich", sagt Claudia Kemfert. Um die dringend benötigte massive Entfaltung der Windenergie zu schaffen, müssten alle Hürden aus dem Weg geräumt werden. Das fordert Wirtschaftsvertreterin Nallinger. "Ganz sicher aber muss der Ausbau ergänzt werden durch den raschen Zubau der Photovoltaik, aber auch durch verstärkte Anstrengungen beim Energiesparen und der Steigerung der Energieeffizienz." Aber das ist vielleicht noch unwahrscheinlicher als sieben Windräder pro Tag.

Zolar, 22.00

Auch bei der Windkraft ist noch einiges drin. Das zeigt ein Besuch in einem Industriegebiet in Rostock, Halle 5. Mehrere Hundert Angestellte der Firma Nordex setzen hier Getriebe und Rotornaben zusammen – und die sogenannten Maschinenhäuser für die Turmspitzen. Sie arbeiten an zwölf Häusern gleichzeitig, jedes so groß wie ein Carport, bauen Generatoren und Schaltschränke ein, verlegen Kabel und Kühlwasserschläuche. Das Rattern von Schraubmaschinen hallt durch das Gebäude, Gabelstapler und Kräne surren hin und her.

Udo Marquardt, Warnweste, Sicherheitsschuhe, leitet die Qualitätssicherung bei Nordex, einem der großen Anbieter für Windkraftanlagen in Deutschland. Seit er vor 13 Jahren in dem Unternehmen anfing, hat die Technik einen enormen Sprung gemacht. Damals wurde als eines der größten Windräder eine Anlage namens N80 gefertigt, 80 Meter Rotor-Durchmesser. Heute baut Nordex Windräder mit doppelt so großen Rotoren, die Türme sind höher als der Kölner Dom. Je nach Lage liefern sie ungefähr viermal so viel Energie wie ihre Ahnen. Die Entwicklung wird weitergehen, auch wenn ein ähnlicher Leistungssprung bei der Technik nicht noch einmal zu erwarten ist. In der Firma halten sie ihn aber auch nicht mehr für nötig. Die Anlagen seien längst bereit für den großflächigen Einsatz. "Windkraft", lobt der Deutschland-Chef Karsten Brüggemann, "ist schon heute die günstigste Energiequelle."

Aber gibt der Markt solch ein Wachstum überhaupt her – sieben Windräder am Tag? Qualitätsmanager Marquardt sagt, es gebe ausreichend Kapazität im Werk: "Wir können die Taktzahl erhöhen, wir können in zwei Schichten arbeiten und wenn nötig auch am Sonnabend. Dann werden allein bei uns jeden Tag mehr als fünf Maschinenhäuser fertig." Sorgen bereiten der Branche allerdings Lieferengpässe, da geht es Windanlagenherstellern nicht anders als Autobauern. Allein das Maschinenhaus besteht aus bis zu 10 000 Einzelteilen – selbst ein fehlender Sicherungsautomat oder Umrichter kann schnell zum Problem werden.

Echte Schwergewichte entstehen beim Wind-anlagen-Bauer Nordex. Jede Rotornabe wiegt 65 Tonnen.
Echte Schwergewichte entstehen beim Wind-anlagen-Bauer Nordex. Jede Rotornabe wiegt 65 Tonnen.
© Max Arens

Kurz nach Mittag sperren Arbeiter in Halle 5 einen Gang mit einem rot-weißen Gitter ab, durch das Fabriktor fährt rückwärts ein Transporter ein. Dann hebt ein Schwerlastkran das Maschinenhaus am Ende der Produktionslinie an und hievt es auf die Ladefläche, so flott, als seien die gigantischen 75 Tonnen ein Federgewicht. Schließlich rollt der Truck hinaus. Das nächste Windrad für Deutschland geht auf die Reise.

Deutschland hat auf absehbare Zeit keine Alternative zu Wind und Sonne

Schon wegen der Kosten, da hat der Nordex-Chef recht. Mit Wind und Sonne lässt sich eine Kilowattstunde Strom ab drei Cent herstellen. Kohlestrom kostet mindestens gut 10 Cent, Kernkraft sogar 13 Cent. Von Behauptungen, man könne schon bald große Mengen Energie importieren, etwa grünen Wasserstoff, hält der stern-Beirat wenig. "Natürlich brauchen wir Importe von grünem Wasserstoff", sagt Sabine Nallinger, "aber wir dürfen uns nicht allein darauf verlassen."

Gut drei Jahrzehnte hat es gedauert, den Anteil erneuerbarer Energien am Energiebedarf auf 20 Prozent zu heben. Die verbleibenden 80 Prozent in der Hälfte der Zeit zu schaffen ist ein beispielloser Kraftakt. Zumal sich der Strombedarf durch Elektroautos, Wärmepumpen und Wasserstoffproduktion bis zur Jahrhundertmitte wohl fast verdoppeln wird. Sieben Windräder am Tag – das ist dennoch gar nicht so abwegig. Im Jahr 2017 schafften die Deutschen schon mal knapp fünf täglich. Wenn es gelingt, noch etwas mehr Tempo aufzunehmen als damals, lassen sich Klimaschutz und Wohlstand sicherstellen.

Es muss vor allem etwas in den Köpfen der Deutschen geschehen. Zu oft begehren sie gegen Windanlagen in ihrer Nähe auf – und provozieren dadurch eine weitere Erderwärmung. Sie akzeptieren aber nahezu klaglos 59 Millionen lärmende, klima- und gesundheitsschädliche Verbrennerfahrzeuge, deren Straßen ihnen die Natur vor der Haustür wegfressen.

Claudia Kemfert sagt: "Die Liste der Aufgaben ist enorm lang. Ich plädiere dafür, jetzt endlich anzufangen."