Vierte Welle: Bayerns Kliniken am Anschlag: "Wir haben kaum noch Kapazitäten"

Die Coronalage in Bayern spitzt sich dramatisch zu. Aus den Krankenhäusern kommen drastische Warnungen vor der Überlastung der Intensivstationen. "Wir sind einem Hamsterrad, das sich immer weiter beschleunigt", warnt ein Klinikfunktionär.

Vierte Welle: Bayerns Kliniken am Anschlag: "Wir haben kaum noch Kapazitäten"

Die Coronalage in Bayern spitzt sich dramatisch zu. Aus den Krankenhäusern kommen drastische Warnungen vor der Überlastung der Intensivstationen. "Wir sind einem Hamsterrad, das sich immer weiter beschleunigt", warnt ein Klinikfunktionär.

Die bayerischen Krankenhäuser warnen angesichts der ungebremst steigenden Corona-Infektionszahlen vor einer unmittelbar drohenden Überlastung der Intensivstationen und fordern deutlich härtere Kontaktbeschränkungen im Freistaat. "Die aktuelle Lage ist so dramatisch, wie sie noch nie in der gesamten Pandemie-Zeit in Bayern war", sagte der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, der "Augsburger Allgemeinen".RKI Wieler Spahn PK

"Wir haben schon jetzt kaum noch Kapazitäten", berichtete Engehausen. In bayerischen Kliniken müssten sogar Krebs-Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Auch die Verlegung von Patienten in angrenzende Bundesländer werde immer schwieriger. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Freistaat stieg nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Freitag auf den neuen Höchstwert von 625,3.

"Die Infektionszahlen müssen runter, um die planbaren Behandlungen, die wir jetzt verschieben, durchführen zu können", forderte der Krankenhaus-Vertreter. "Wir brauchen deutliche Kontaktvermeidung", forderte Engehausen. "Ob man das Lockdown oder anders nennt, ist für uns Kliniken zweitrangig."STERN PAID Booster-Impfungen Studien 17.00

Die derzeit geplanten Schritte reichten nicht aus, um den Anstieg der Infektionszahlen zu bremsen: "Wir sehen im Moment keine ausreichend wirksamen Gegenmaßnahmen, die uns in den Kliniken in den nächsten zwei bis vier Wochen eine Entlastung bringen würden", warnte der Vertreter der bayerischen Kliniken. "Das macht die Lage sowohl jetzt als auch in der Perspektive der nächsten Wochen so dramatisch."

Die Zahl der Corona-Intensivpatienten steige in Bayern ohne harte Gegenmaßnahmen jede Woche um etwa 30 Prozent an, "so dass wir bald keine Chance mehr für Verlegungen innerhalb des Freistaats haben", sagte Engehausen.

Schon jetzt würden bayerische Intensivpatienten in andere Bundesländer verlegt. "Aber der Weg nach Baden-Württemberg ist eigentlich bereits geschlossen, weil sich die Kliniken dort der bayerischen Situation annähern", sagte der Krankenhaus-Vertreter. "Ob wir in ein paar Wochen noch jemand nach Hessen bringen können, wissen wir nicht. Nach Thüringen und Sachsen braucht man nicht zu fahren und im Süden in Österreich ist die Lage nicht besser als bei uns."STERN PAID Corona Winter Update 07.56

Von der Situation einer Triage sei Bayern trotz entsprechender Vorbereitungen einiger Krankenhäuser aber immer noch weit entfernt. "Wir sehen eine derartige Situation an bayerischen Kliniken nach wie vor nicht", betonte Engehausen. "Wir haben die Möglichkeit planbare Behandlungen zu verschieben, Patienten über längere Strecken in Regionen zu verlegen, die weniger belastet sind und andere Mittel", sagte er.

Die jetzige Entwicklung habe aber selbst die sehr pessimistischen Erwartungen der Kliniken noch übertroffen. "Der 22. Oktober war der Kipppunkt, seitdem haben wir stark steigende Inzidenzzahlen und damit einhergehend steigende Intensivbehandlungen. Wir sind in ein Hamsterrad geraten, das sich immer weiter beschleunigt."

Zwei Patienten aus Bayern nach Südtirol verlegt

Ein möglicher Ausweg für Kliniken in Oberbayern ist eine Verlegung von Patienten nach Südtirol in Italien. Die Provinz hat noch Behandlungsplätze für Corona-Intensivpatienten frei - auch aus Deutschland und Österreich. "In der aktuellen Phase haben wir noch Ressourcen", sagte Marc Kaufmann, der Covid-Einsatzleiter in der Alpenprovinz. So wurde in der vorigen Wochen ein Patient mit dem Helikopter nach Bozen geflogen, ein zweiter Corona-Erkrankter kam mit einem Rettungswagen auf die Intensivstation nach Meran. Die beiden Bayern sind laut Kaufmann bislang die einzigen Corona-Patienten, die aus dem Ausland übernommen wurden.STERN PAID 42_21 Impfgegner Bilder 20.45

In der Alpenregion sorgt man sich nun davor, dass die Zahlen ähnlich stark steigen wie zuletzt in Deutschland und Österreich. Kaufmann sieht Parallelen zum Frühjahr 2020, als die Lage zunächst in den norditalienischen Gegenden um Bergamo und Mailand eskalierte, ehe sich das Virus nach Norden vorarbeitete. "So wie wir in der ersten Welle in die Lombardei geschaut haben, so schauen wir jetzt nach Österreich mit Salzburg, Kärnten und Nordtirol sowie nach Bayern."

Kaufmann fürchtet einen ähnlichen Anstieg zeitverzögert auch in Südtirol, zumal er in seiner Provinz ähnliche Lebensweisen und "eine ähnliche Impfmüdigkeit" wie in Österreich und Bayern feststelle. "Es wäre vermessen zu glauben, dass der Brenner das Pandemiegeschehen aufhalten kann".