US-Bürgerrechtler: Zwei Männer saßen Jahrzehnte für den Mord an Malcolm X in Haft – sie waren unschuldig

In New York sind die Urteile gegen zwei Männer aufgehoben worden: Sie sind unschuldig an der Ermordung von Malcolm X. Das steht 56 Jahre nach der Tat fest. Doch der Fall ist heute so rätselhaft wie damals.

US-Bürgerrechtler: Zwei Männer saßen Jahrzehnte für den Mord an Malcolm X in Haft – sie waren unschuldig

In New York sind die Urteile gegen zwei Männer aufgehoben worden: Sie sind unschuldig an der Ermordung von Malcolm X. Das steht 56 Jahre nach der Tat fest. Doch der Fall ist heute so rätselhaft wie damals.

Es ist der 21. Februar 1965, ein Sonntag in New York. Malcom X weiß, dass er in großer Gefahr schwebt. Der charismatische schwarze Bürgerrechtler hat sich mit seiner ehemaligen Organisation, der "Nation of Islam" und deren Führungsriege überworfen. Er hat eine neue Bewegung gegründet, wird von ehemaligen Weggefährten bedroht. Genau eine Woche zuvor war ein Brandanschlag auf das Haus seiner Familie verübt worden, Malcolm X und seine Angehörigen entkamen knapp. Soll er aufhören, öffentlich zu sprechen und für die Emanzipation der Schwarzen in den USA zu kämpfen?

Bodyguards beschützen den 39-Jährigen, als er im Stadtviertel Washington Heights im Audubon Ballroom eine Rede hält. Plötzlich bricht ein Tumult aus. Zwei Zuhörer liefern sich einen Streit, die Personenschützer von Malcolm X gehen dazwischen, um Ruhe zu schaffen. Alles verläuft nach Plan für die Attentäter. Denn der Streit ist vorgespielt, eine Falle. Die Ablenkung der Bodyguards ist beabsichtigt.

Tödliche Schüsse in New York

Ein Mann macht sich das Durcheinander zu nutze, zieht eine abgesägte Schrotflinte aus seinem Mantel und schießt auf den ungeschützten Malcolm X. Zwei weitere Angreifer schießen ebenfalls. Insgesamt 21 Kugeln werden auf den Bürgerrechtler abgefeuert. Er überlebt diesen Sonntag nicht. Als schließlich noch eine Rauchbombe gezündet wird, ist das Chaos perfekt.Crime Noir Die Heimsuchung 19.30

Dieser Rauch hat sich nie wirklich verzogen, denn die Umstände des Attentats auf Malcolm X liegen bis heute teilweise im Dunkeln, obwohl nach der Tat mehrere Männer gefasst und verurteilt wurden. Zwei Urteile davon wurden, wie man heute weiß, gegen zwei unschuldige Männer verhängt. Die Schuldsprüche gegen Muhammad Aziz und Khalil Islam wurden in dieser Woche aufgehoben – über ein halbes Jahrhundert nach jenem verhängnisvollen Sonntag.

Zwei Jahrzehnte hatten sie für ein Verbrechen im Gefängnis gesessen, das sie nicht begangen hatten. Zwar kamen sie in den 80er Jahren nach ihrer verbüßten Haftstrafe frei, und sie beteuerten auch stets ihre Unschuld. Doch der Makel, an der Ermordung von Malcolm X beteiligt gewesen zu sein, hing an ihnen, das Stigma lastete auf ihnen und ihren Familien. 

Malcolm X ist umstritten – aber auch eine Inspiration für viele Amerikaner

Malcolm X war und ist umstritten, denn für ihn war auch Gewalt ein legitimes Mittel im Kampf für die Rechte der Afroamerikaner. Für seinen unerschütterlichen Einsatz aber hat er bis heute viele Bewunderer, er gilt als eine der wichtigsten Figuren der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre.

Auch deshalb ist die Rehabilitierung der zwei unschuldig nach dem Attentat Verurteilten ein großes Thema – sowohl in New York als auch im gesamten Land. Fragen werden aufgeworfen: Wie konnten die beiden unschuldigen Männer überhaupt verurteilt werden?

Sie waren erst Tage nach der Tat festgenommen worden und der Mann, der noch am Tatort verhaftet worden war und den Anschlag gestand, hatte ihre Unschuld bestätigt. Er hatte damals zugegeben, an einem Komplott beteiligt zu sein. Seine Komplizen waren nach seinen Worten aber nicht Azis und Islam.

Der geständige Täter, der damals 23-jährige Thomas Hagan alias Mujahid Abdul Halim, wurde verurteilt. An seiner Schuld gibt es auch keine Zweifel, das Urteil gegen ihn wurde nicht aufgehoben. 2010 kam er nach 45 Jahren Haft auf Bewährung frei. Er ist inzwischen 80 Jahre alt.

Mit 83 Jahren offiziell unschuldig

Auch Muhammad Aziz, einer der zwei jetzt rehabilitierten Männer, ist heute ein alter Mann. Seine Worte klingen bitter, er bekam sehr spät in seinem Leben die Bestätigung seiner Unschuld. "Ich brauche nicht dieses Gericht, nicht diese Strafverteidiger und kein Stück Papier, um mir zu sagen, dass ich unschuldig bin", zitierte die "New York Times" Aziz. "Ich bin ein 83-Jähriger, der vom Justizsystem kriminalisiert worden ist." Khalil Islam erlebte die Aufhebung seines Urteils nicht mehr – er starb 2009.

Die beiden gerieten damals in eine Mühle der Justiz und ein Netz aus falschen Anschuldigungen, das auch heute noch schwer zu durchschauen ist. Letztendlich ist es einer Netflix-Dokumentation zu verdanken, dass ihr Fall überhaupt noch einmal aufgerollt wurde: Die Sendung "Who Killed Malcolm X?" ging einer These des Hobby-Historikers Abdur-Rahman Muhammad nach: Demnach sind Aziz und Islam unschuldig, und der – rechtmäßig verurteilte – Halim habe damals mit vier anderen Mitgliedern der "Nation of Islam" gemeinsame Sache gemacht.Crime Luka und Manny 19.00

22 Monate dauerte die neue Untersuchung des Falls. Schließlich kamen die Staatsanwaltschaft von Manhattan, die gemeinsam mit Anwälten von Aziz und Islam und der  Organisation "Innocence Project" den Fall neu aufrollte, zu einem ähnlichen Ergebnis wie der Hobby-Historiker.

New Yorks Staatsanwalt Cyrus Vance spricht von "jahrzehntelanger Ungerechtigkeit"

"Ich bedaure, dass dieses Gericht die schweren Justizirrtümer in diesem Fall nicht rückgängig machen und Ihnen die vielen verlorenen Jahre zurückgeben kann", sagte die New Yorker Richterin Ellen Biben, als sie an diesem Donnerstag die Schuldsprüche von damals für ungültig erklärte. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass dieser Fall nach grundlegender Gerechtigkeit schreit." Auch der New Yorker Staatsanwalt Cyrus Vance entschuldigte sich für eine "jahrzehntelange Ungerechtigkeit". Er war es, der die Überprüfung des Falls eingeleitet hatte.

Was die Ermittler bei ihrer Überprüfung des Falls herausfanden, empört viele Amerikaner: Staatsanwälte, die Bundespolizei FBI und das NYPD, also die New Yorker Polizei, hielten damals demnach Beweismittel zurück, mit denen Aziz und Islam wohl freigesprochen worden wären. Die "New York Times" berichtet, dass Recherchen des FBI seinerzeit ganz andere Verdächtige identifiziert hätten. Auch sollen Undercover-Agenten an dem verhängnisvollen Sonntag im Saal gewesen ein – ein Umstand, den die Staatsanwaltschaft im Prozess verheimlicht habe. Und schließlich ergab die neue Untersuchung: Azis hatte sehr wohl ein stichhaltiges Alibi.

Nur wer alles am Mord an Malcolm X beteiligt war – diese Frage ist bis heute nicht abschließend beantwortet.

Quellen: CNN, "Die Zeit", Bundeszentrale für politische Bildung, Reuters, mit Material von AFP und DPA