Schleppende Evakuierungen: "Im Stich gelassen": So verzweifelt ist die Lage der in Afghanistan ausharrenden Ortskräfte

8500 Ortskräfte und ihre Familien hat die Bundesregierung bisher aus Afghanistan rausgeholt, mehr als doppelt so viele sitzen noch fest. Die Kritik wegen der schleppend laufenden Evakuierungen wächst.

Schleppende Evakuierungen: "Im Stich gelassen": So verzweifelt ist die Lage der in Afghanistan ausharrenden Ortskräfte

8500 Ortskräfte und ihre Familien hat die Bundesregierung bisher aus Afghanistan rausgeholt, mehr als doppelt so viele sitzen noch fest. Die Kritik wegen der schleppend laufenden Evakuierungen wächst.

Mehr als drei Monate nach dem Fall von Kabul ist die Lage für viele Afghanen verzweifelt. Rund 19.000 Ortskräfte und ihre Angehörigen warten darauf, aus dem Land ausreisen zu können – so heißt es aus dem Auswärtigen Amt auf stern-Anfrage. "Die Bundesregierung konnte seit Mitte August etwa 8500 Menschen zur Ausreise aus Afghanistan verhelfen." An weiteren Ausreisemöglichkeiten per Land- und  Luftweg arbeite man unter Hochdruck.

"Wir suchen in enger Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt derzeit intensiv nach Wegen, wie für die zu einer Aufnahme berechtigten Ortskräfte der Bundeswehr eine Einreise nach Deutschland ermöglicht werden kann", bekräftigte auch ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr dem stern.Fotostrecke: Als Kabul in die Hände der Taliban fiel 1205

Am 15. August waren die Taliban kampflos in die Hauptstadt Kabul eingezogen und kontrollieren seither das ganze Land. Tausende versuchten mit den letzten ausländischen Fliegern zu fliehen, viele blieben zurück. Seitdem die Islamisten das Sagen haben, ausländische Hilfen eingefroren wurden und dazu noch eine der schwersten Dürren seit Jahrzehnten das Land heimsucht, landen Hunderttausende Menschen in der Armut. Mit verheerenden Auswirkungen: UN-Angaben zufolge wird mehr als die Hälfte der Afghanen ab November nicht mehr ausreichend zu essen haben. Und der Winter steht vor der Tür.

Scharfe Kritik an der Bundesregierung

Auch deshalb reichen für die Menschen hinter "Kabul Luftbrücke" die bisherigen Bemühungen der Bundesregierung um die ehemaligen Unterstützer von Bundeswehr und deutschen Nichtregierungsorganisationen nicht aus. Die private Initiative verkündete am Dienstag auf einer Pressekonferenz mit einem spendenfinanzierten Charterflug vergangenes Wochenende 148 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen zu haben – weil von Seiten der Bundesregierung zu wenig passiere. Laut Teresa Breuer, eine der Initiatorinnen der "Kabul Luftbrücke", hätten die Ausgeflogenen zum Teil monatelang auf ihre Aufenthaltsgenehmigung gewartet und sich in der Zeit vor den Taliban versteckt.

Deutliche Worte fand auch Ulrich Karpenstein, Rechtsanwalt und Vorstand im Deutschen Anwaltverein: "Wir sehen als Deutscher Anwaltverein ein Versagen deutscher Ressorts, wie ich es persönlich noch nicht erlebt habe." Dass unterste Niveau des Rechtsstaates werde unterschritten, wenn Anfragen, ob Mandanten auf den Listen für die Evakuierung stehen, wochenlang nicht beantwortet würden, so der Rechtsanwalt auf der Pressekonferenz der Initiative.

STERN PAID 39_21 Einmal Kabul und zurück 13.00

"Viele Menschen in Afghanistan haben Angst"

Deutsche Journalisten stehen ebenfalls vor dem Problem, ihre Übersetzer und Recherchehelfer außer Landes zu bringen. stern-Reporter Jan-Christoph Wiechmann berichtet von seinem afghanischen Mitarbeiter Rasool Sekandari, der es samt Familie mit einem Flug aus Kabul auf den US-Stützpunkt Ramstein geschafft hat. Trotz Einreise-Bewilligung des Auswärtigen Amtes durfte die Familie die US Air Base aber nicht verlassen – und wurde letztendlich gegen ihren Willen in die USA ausgeflogen.

"Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer ist es nach eigenen Angaben mit Unterstützung der "Kabul Luftbrücke" gelungen, rund 45 Menschen – sein Team und deren Familien – aus Afghanistan nach Deutschland zu bringen. "Viele Menschen in Afghanistan haben Angst", sagt Bauer. "Aber man muss auch unterscheiden zwischen durch die Taliban Gefährdeten und denen, die aus wirtschaftlichem Kalkül das Land legal verlassen wollen." Zwar kämen eh nur Menschen aus Afghanistan heraus, die auf den Listen deutscher Behörden stehen. Diese hätten aber sehr schnell zusammengestellt werden müssen. "Es war irre, Medien und NGOs abzuverlangen, alle Gefährdeten binnen Tagen auf Listen zu setzen."

Er selbst habe die Liste mehrerer deutscher Verlage und Medienhäuser koordiniert – der psychische Druck sei enorm gewesen. "Ein Zahlendreher in einer der Listen und ein gefährdeter Mensch bekommt vielleicht keine Genehmigung, nach Deutschland einzureisen." Und ohne Garantie des Auswärtigen Amtes bringe es nichts, Menschen aus Afghanistan heraus zu bringen – sie würden dann in einem Nachbarland stranden.

Gerettete Afghanen 15.11

Listenplatz entscheidend für Ausreise aus dem Land

Ein weiteres Problem mit den Listen benennt "Zeitenspiegel"-Reporter Carsten Stormer, der bis 2018 regelmäßig aus Afghanistan berichtet hat: Die Listen sind geschlossen. "Ein Protagonist aus meiner TV-Reportage kommt auf keine der Listen drauf. Man kriegt überhaupt keinen persönlichen Kontakt mehr zu Menschen in Ministerien. Ich habe seinetwegen an alle möglichen Adressen deutscher Ministerien gemailt, aber bekomme nicht einmal eine Antwort." 

Sein Fazit: "Die Bundesregierung hätte viel mehr machen können und auch müssen." Zwar hätten alles das Tempo des Taliban-Vormarsches unterschätzt, aber spätestens ab der Abzugsankündigung der USA hätte man die Evakuierung vorbereiten können. "Leute, die viel für Deutschland getan haben, werden im Stich gelassen."

Pass-Probleme im Auswärtigen Amt

Auf Nachfrage des stern begründet das Außenministerium die schleppend laufenden Evakuierungen mit fehlenden Papieren. "Eine der größten Schwierigkeiten sind fehlende Pässe der Ortskräfte und besonders gefährdeten Personen. Eine Ausreise ohne Pass ist momentan weder auf dem Land- noch auf dem Luftweg möglich." Man verhandle daher derzeit mit den Nachbarländern Afghanistans, um die Ausreise auf dem Landweg auch für Personen ohne Pässe zu ermöglichen.

Nach dem Sturz Kabuls sei das Auswärtige Amt überfordert gewesen, gesteht Pressesprecher Christofer Burger auf der Pressekonferenz von "Kabul Luftbrücke" ein. "Wir hatten teilweise 130.000 Anrufe am Tag und eine ähnliche Zahl von E-Mails", sagt Burger. Inzwischen seien die Abläufe deutlich besser: Die deutschen Botschaften in den Nachbarstaaten Afghanistans benötigten nur noch zwei Wochen, um ein Visum auszustellen. Er plädiert dafür, dass Außenministerien und Initiativen wie die "Kabul Luftbrücke" ihre gut funktionierenden Kontakte nutzen, um gemeinsam an der weiteren Evakuierung zu arbeiten.

Auch aus dem Verteidigungsministerium heißt es, man arbeite mit Hochdruck und gemeinsam mit anderen Ministerien daran, allen "berechtigten Ortskräften" – nach aktuellem Stand 600 Menschen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben sowie deren 2400 Angehörige – die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen. "Ob unsere Bemühungen erfolgreich sein werden, hängt aber auch von vielen anderen Faktoren ab, die wir nicht oder nur bedingt beeinflussen können."

Teresa Breuer von der "Kabul Luftbrücke" mahnt dennoch zu mehr Eile bei den Evakuierungen: "Viele Menschen harren seit Monaten in einem Versteck aus und verzweifeln langsam daran, weil sie nicht wissen, wie es für sie weitergeht – auch Menschen mit Evakuierungszusage, die schon längst außer Landes sein sollten."


Quellen: Video der Pressekonferenz von "Luftbrücke Kabul", Anfragen ans Auswärtige Amt, das Bundesverteidigungsministerium sowie das Bundesinnenministerium