Prototypenerprobung Maserati Grecale: Eine Nummer kleiner

Mit dem neuen Maserati Grecale jagen die Italiener künftig im Revier von Porsche Macan und BMW X4. Der italienische Prototyp hat viele Überraschungen parat.

Prototypenerprobung Maserati Grecale: Eine Nummer kleiner

Mit dem neuen Maserati Grecale jagen die Italiener künftig im Revier von Porsche Macan und BMW X4. Der italienische Prototyp hat viele Überraschungen parat.

Unter fünf Metern Länge und 330 PS geht bei Maserati bislang gar nichts. Das ist zwar gut fürs Ego, macht aber die Kassen nicht so richtig voll. Natürlich haben größere Autos mehr Marge, doch leider auch weniger Stückzahlen. Deshalb setzt Maserati-Boss Davide Grasso auf eine zusätzliche und vor allem kleinere Baureihe. Sie heißt Grecale und ist, wie man es bei Maserati gern macht, nach einem Mittelmeerwind benannt. So sollte sich nach Ansicht des ehemaligen Nike-Managers Klasse machen lassen. Damit es richtig klingelt, muss es natürlich ein SUV sein. Und selbstverständlich ist fürs langfristige Geschäft auch ein vollelektrischer Antrieb nötig.

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So weit ist man aktuell aber noch nicht. Die Verzögerung liegt weder an vorschnellen Versprechungen der Italiener noch an zu vielen Espresso-Pausen. Selbst Corona hat, zumindest unmittelbar, nicht Schuld daran, dass der Grecale nicht wie ursprünglich geplant in diesen Tagen debütiert. Es ist schlicht der Chip-Mangel, der inzwischen auch die Luxushersteller trotz vergleichsweise kleiner Stückzahlen erreicht hat. Er ist so gravierend, dass Maserati das Risiko zu groß erscheint, ein fertiges Auto zu präsentieren, es dann aber nicht produzieren und verkaufen zu können. Das Problem trifft den neuen Grecale umso härter, weil er eine neue Generation der Digitalisierung verkörpern soll - und es auch muss, um halbwegs erfolgreich gegen BMW X4, Porsche Macan oder Mercedes GLC Coupé bestehen zu können. Das betrifft vor allem Infotainment und Komfortlösungen sowie zeitgemäße Bedienelemente und Assistenzsysteme. Darüber, dass zum Beispiel Chips für Head-up-Displays Mangelware sind, klagen alle Hersteller. Erstmals wird es auch in einem Maserati verfügbar sein.

Ungenutzt lässt man das Warten auf bessere Zeiten bei Maserati allerdings nicht. Noch immer sind über 250 Erprobungsfahrzeuge in aller Welt unterwegs, um Daten für den letzten Feinschliff zu sammeln. Auch einer Handvoll Journalisten überließ man den Wagen, um ihn onroad und offroad zu testen. Erste Erkenntnis: Der Grecale ist zwar das kleine SUV von Maserati, aber fast trotzdem so groß wie der Levante. Mit einer Länge von 4,85 Metern ist er nur 15 Zentimeter kürzer als der große Bruder, der Radstand von 2,90 Metern fällt nur zehn Zentimeter geringer aus. Trotzdem wirkt der Grecale optisch agiler und dynamischer. Zum einen fehlen ihm gegenüber dem Levante ein paar Zentimeter an Höhe, zum anderen fällt seine Dachlinie früher und harmonischer ab. Die Maserati-Ingenieure verweisen darauf, dass der Kofferraum trotzdem groß und gut nutzbar ist. Sein Volumen von 535 Litern bis zur Lehnenoberkante wird den meisten Soccer-Moms dieser Welt reichen. Die Sitzprobe im Innenraum macht zudem klar: Enger als im Levante geht es hier nicht zu.

Im Innenraum ist zwar vieles noch abgedeckt, doch deutlich ist der Next-Level-Anspruch des Grecale-Interieurs zu erkennen. Mehr und größere Displays, dafür weniger Knöpfe und Schalter. Was irgendwie geht, soll über Touchscreens gesteuert werden oder endlich auch per funktionierender Sprachsteuerung. Der Zuruf "Hey, Maserati, lass uns eine schnelle Runde drehen" bedeutet zwar nicht, dass der Wagen in den Sportmodus schaltet oder "We are the Champions" aus den Lautsprechern von Sonus Faber dröhnt - aber Alltagsbefehle von der Navigation bis hin zur Klimasteuerung funktionieren tadellos. Trotz aller Digitalisierung: Der Grecale wäre kein Maserati, wenn sich im Innenraum nicht auch klassische Markentugenden wiederfinden würden. Leder, Carbon und Edelhölzer sind die Materialien, die man dort gemeinhin erwartet - und man findet sie im neuen SUV reichlicher als bei der deutschen Konkurrenz. In einem anderen Punkt brechen die Italiener dagegen radikal mit einer Tradition: Die berühmte analoge Zeituhr in der Mittelkonsole bleibt nur noch schemenhaft erhalten. In Wahrheit ist sie eine Smartwatch, die entscheidend zur Fahrer-Fahrzeug-Kommunikation beiträgt und ein Multifunktionsdisplay ist.

Eine völlige Neuentwicklung ist der Maserati Grecale trotzdem nicht. Er nutzt die Plattform des Alfa Romeo Stelvio. Dass ist zunächst nicht schlecht, schließlich schlägt sich der Stelvio bislang mehr als nur achtbar. Bei Maserati pochte man dafür auf mehr Eigenständigkeit bei den Motoren. Klar, Diesel ist bei der Marke mit dem Dreizack tot und die vollelektrische Version folgt erst nach der offiziellen Markteinführung im nächsten Jahr. Also liegt aktuell der Fokus auf den Benzinern. Ein Achtzylindermotor hätte zwar theoretisch Platz, ist aber höchst unwahrscheinlich - schließlich stammen die Maserati-V8-Triebwerke von Ferrari, und diese Kooperation läuft aus. Zudem macht der Downsizing-Trend auch vor Maserati nicht halt.

Also geht es künftig um sechs, segmentbedingt vor allem aber um vier Zylinder. Diese vier bilden mit 2,0 Liter Hubraum und 48-Volt-Mild-Hybridisierung samt Riemenstarter-Generator den künftigen Einstieg in die Grecale-Welt. 300 PS verspricht Maserati, 30 weniger als beim Einstiegsmodell des Levante. Der Sound ist für Maserati-Verhältnisse aber noch etwas gewöhnungsbedürftig - ein bisschen rotzig, aber doch sportlich. Doch eine Top-Speed von 240 km/h und ein Beschleunigungsvermögen von 0 bis 100 km/h in 5,6 Sekunden sind für das allradgetriebene SUV beachtliche Werte. Verblüffend ist, wie das Mild-Hybrid-System dem Motor den nötigen Punch gibt: Der E-Booster triebt bei niedrigen Drehzahlen den Turbolader an, so dass ihm das typische träge Turboloch fehlt. Allerdings muss man festhalten, dass in dieser Leistungsklasse der deutsche Wettbewerb schlecht aufgestellt ist. Ganz den deutschen Gepflogenheiten entsprechend und damit ein Unterschied zum Levante ist die Entscheidung, dass die Luftfederung für den Grecale GT nur eine Option ist. Ein Gewinn ist sie aber allemal, um die wahren dynamischen Eigenschaften des Maserati-SUV zutage zu fördern. Per Controller auf dem Lenkrad den Sportmodus aktiviert, zeigt selbst der 300-PS-Grecale deutlich, womit vor 100 Jahren die Maserati-Brüder ihr Geld verdienten: mit Rennwagen.