Perspektivwechsel: Positive Lebenseinstellung mit Reframing – alles eine Frage der Wahrnehmung

Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, kann dabei helfen, innere Blockaden zu überwinden, neue Denkanstöße zu entwickeln und Lösungen zu finden. Die Methode des Reframings erzielt genau das.  

Perspektivwechsel: Positive Lebenseinstellung mit Reframing – alles eine Frage der Wahrnehmung

Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, kann dabei helfen, innere Blockaden zu überwinden, neue Denkanstöße zu entwickeln und Lösungen zu finden. Die Methode des Reframings erzielt genau das.  

Es gibt im Leben einige Situationen, die es uns erschweren, eine positive Lebenseinstellung zu bewahren. Manche Menschen scheinen jedoch selbst in den misslichsten Situationen stets die Fassung zu behalten, sie bringt so gut wie nichts aus der Balance. Doch was machen diese Menschen anders? Sie nehmen ganz einfach anders wahr.

Die Kraft der eigenen Gedanken

"Es gibt nichts, das an sich gut oder schlecht wäre, nur das Denken macht es so" – schon William Shakespeare erkannte die Kraft der eigenen Gedanken. Pro Tag haben wir bis zu 80.000 Gedanken. Die Frage, was wir dabei denken, ist dabei elementar wichtig. Schließlich beeinflusst unser Denken buchstäblich das ganze Leben. Die Gedanken sind der Grundstein der eigenen Persönlichkeit, wirken sich auf das Verständnis von uns selbst, unseren Mitmenschen und auf unser Verhalten aus. Glaubenssätze, Charakterzüge und jegliche Lebensentscheidungen basieren auf der Kraft der eigenen Gedanken.STERN PAID Gesund Leben 5_21 Psychologie Tor zu innerer Kraft 18.49

Die Kraft der Gedanken konnte mittlerweile sogar wissenschaftlich belegt werden. Als Paradebeispiel dient das sogenannte Bannister-Phänomen aus dem Jahre 1954. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war es einem Sportler gelungen, eine Meile (rund 1,6 Kilometer) in vier Minuten zu rennen. Sportler, Leichtathleten, sogar Wissenschaftler und Ärzte waren davon überzeugt, dass es körperlich schlichtweg unmöglich sei.

Der britische Mittelstreckenläufer und Neurologe Roger Bannister war da anderer Meinung und ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen – mit Erfolg. Ihm gelang es am 6. Mai 1954 als erster Mensch, die englische Meile in einer Zeit von unter vier Minuten zu laufen. In einem Interview sagte er danach, dass er diesen Lauf schon tausendmal in seinen Vorstellungen hinter sich gebracht hatte. Nach Bannister knackten im selben Jahr 37 weitere Läufer die Zeitmarke, im Jahr darauf belief sich die Zahl auf über 300 – schlichtweg, da die Läufer dank Bannister davon überzeugt waren, dass es möglich sei. Allein durch die Kraft der eigenen Gedanken können wir demnach so gut wie alles erreichen.

Was ist Reframing?

Der Begriff Reframing leitet sich vom englischen Begriff "Frame", zu Deutsch: Rahmen, ab. Beim Reframing handelt es sich um eine Methode aus der systematischen Psychotherapie und des neurolinguistischen Programmierens, welche auf die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir zurückzuführen ist. Kern des Reframings ist es, Situationen in einem neuen Rahmen zu betrachten und ihnen so eine neue, förderliche Bedeutung zu geben. Mithilfe des neuen Rahmens ist es so möglich, objektiv unveränderte Situation subjektiv anders wahrzunehmen, zu interpretieren und zu erleben. Allein das ermöglicht uns eine veränderte Reaktion und eröffnet neue, bislang unerkannte Handlungsmöglichkeiten.

Glas voll oder leer
Ein bekanntes Beispiel zur Veranschaulichung der Praktik ist die Frage, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Objektiv betrachtet, sind beide Gläser gleich voll beziehungsweise gleich leer – und dennoch kommt man je nach Perspektive zu einem anderen Ergebnis.
© simarik

Alltägliche Praktik

Im Grunde geben wir tagtäglich jeglicher Situation einen Rahmen – und das meist unbewusst. Wir interpretieren Ereignisse vor dem Hintergrund bestimmter Denkmuster, Erwartungen und Zuschreibungen. Je nach Stimmungslage kann der gefertigte Rahmen positiv oder negativ ausfallen. Auf Dauer führen negative Deutungen jedoch nicht nur zu Unzufriedenheit, Frust und einer eingeschränkten Handlungsfähigkeit. Oftmals werden tagtäglich die immer gleichen Aspekte vertrauter Situationen wahrgenommen. Die unzulässige Einengung auf Teilaspekte verhindert dabei jedoch die Erweiterung des eigenen Horizonts und führt dazu, dass wir uns stetig in unserer Komfortzone bewegen. Das Reframing hat den Zweck, bewusst über den eigenen "Rahmen" hinauszuschauen und einen anderen Blick auf die Dinge zu werfen. Das kann im beruflichen als auch alltäglichen Umfeld hilfreich sein und uns zu neuen Ideen, Denkansätzen und gewünschter Veränderung verhelfen. Wie schon Virginia Satir sagte: "Das Leben ist nicht das, was es sein sollte. Es ist, was es ist. Die Art und Weise, damit umzugehen, macht den Unterschied."

Die Methode: Formen des Reframings

Mittlerweile gibt es zahlreiche verschiedene Formen des Reframings. Das Grundprinzip beruht auf den folgenden drei Grundannahmen, die wiederrum auf das Konzept des Neuro-Linguistischen Programmierens, kurz NLP, zurückzuführen sind. Dieses beschäftigt sich mit der subjektiven Wahrnehmung von Menschen und der Frage, welche Faktoren unser Erleben steuern und wie wir unsere Erfahrungen selbst hervorbringen. Entwicklelt wurde es in den 1970er Jahren von den Psychologen Richard Bandler und John Grinder.  

  1. Jedes Verhalten ist in irgendeinem Kontext sinnvoll.
  2. Jedem Verhalten wird eine Bedeutung zugeschrieben.
  3. Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht.

Im NLP unterscheidet man laut Bandler und Grinder zwischen dem Bedeutungs- und Kontextreframing.

Bedeutungsreframing

Beim Bedeutungsreframing gibt man dem Inhalt einer Situation eine neue Bedeutung. Nach der Auffassung des NLPs sind die meisten Menschen, die eine unerfreuliche Sinneswahrnehmung auf eine Situation nicht mögen, im eigentlichen Sinne gegen ihre eigene Reaktion auf diese abgeneigt. Wenn es Ihnen demnach gelingt, die Bedeutung einer Situation zu verändern, verändert sich auch Ihre Reaktion auf diese.

Zur Veranschaulichung dient ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis. Eine Mutter ärgert sich über die herumliegenden Schuhe ihrer Kinder im Eingangsbereich. Zigfach hat sie diese bereits darum gebeten, die Schuhe nach dem Ausziehen in den Schuhschrank zu stellen. "Herumstehende Schuhe" haben für sie die Bedeutung "Niemand interessiert sich für meine Anliegen." Mithilfe des Bedeutungsreframings gibt sie der Situation jedoch eine neue, positivere Bedeutung. Die herumstehenden Schuhe führt sie auf die Gedankenlosigkeit ihrer Kinder zurück. Sie nimmt an, dass diese ihr mit ihrem Verhalten keine Respektlosigkeit entgegenbringen wollen, sondern in ihrer kindlichen Unbeschwertheit schlichtweg nicht an ihr Anliegen denken. "Herumstehende Schuhe" bedeuten für sie ab sofort "Kindliche Leichtigkeit, Leben und Unbeschwertheit". Durch die positive Assoziation regt sie sich nicht mehr über das Verhalten auf und reduziert so innerliche Stressgefühle.

Kontextreframing

Das Kontextreframing bezieht sich auf eine Veränderung des Kontextes, indem das betreffende Verhalten in einen anderen Zusammenhang gestellt wird – demnach wird eine Situation unter veränderten Rahmenbedingungen betrachtet. Laut Bandler und Grinder mag eine Situation unter bestimmten Gesichtspunkten nachteilig, unter anderen jedoch vorteilhaft sein.

Als Beispielsituation dient eine Zusammenarbeit in einem Team. Ein Teammitglied zeigt sich dabei eher zurückhaltend und skeptisch. Dadurch ergeben sich Verzögerungen im Umsetzungsprozess, der Teampartner ist genervt und fühlt sich behindert. Stellt er die Situation jedoch in einen neuen Kontext, kommt er zu der Erkenntnis, dass das kritische Teammitglied mit seiner Genauigkeit und Skepsis potenzielle Fehler und Ungenauigkeiten im Prozess frühzeitig erkennt. Im neuen Kontext verbindet er so das Verhalten des Partners als hilfreiche Maßnahme zur Qualitätssicherung statt Behinderung im Arbeitsprozess. So bringt er der Zusammenarbeit im Team eine größere Wertschätzung entgegen, was wiederum automatisch zu einer verbesserten Arbeitsatmosphäre führt.

Vorteile des Reframings

Reframing kann dabei helfen, die eigene Wahrnehmung auf eine Situation zu verändern und diese so aus einem positiveren Blickwinkel zu betrachten. Ziel ist dabei nicht die Beschönigung von Umständen, sondern vielmehr die veränderte Sichtweise auf Ereignisse, die Ihnen dabei helfen kann, Ihre persönlichen Ziele so besser zu erreichen.

Nach Auffassung des Konzepts des Neurolinguistischen Programmierens weisen menschliche Glaubensgrundsätze und Erwartungshaltungen in der Regel bestimmte feste Deutungsmuster auf. Das erklärt, wieso einige Menschen stetig optimistisch bleiben und andere nicht. Mit dem Reframing brechen Sie aus Ihren üblichen Gedankenmustern aus und suchen nach neuen, hilfreicheren Glaubenssätzen. So entstehen zudem neue Ideen oder Problemlösungen, die zuvor überhaupt nicht in Erwägung gezogen wurden. Viriginia Satir hat sich diese in der Familientherapie zunutze gemacht. 

Da so nicht die Probleme an sich gelöst werden, sondern sich nur die Sicht darauf wandelt, wird Reframing auch als Problemlösung zweiter Ordnung bezeichnet. Es unterstützt Sie jedoch in jedem Fall dabei, Ihre persönlichen Ziele zu erreichen, den Horizont zu erweitern und allgemein mit einer positiveren Einstellung durchs Leben zu gehen.

Kritik am Reframing – blauäugige Realitätsverweigerung?

Kritiker der Methode sehen im Reframing die Gefahr, dass Menschen die Welt nur noch durch eine rosarote Brille betrachten und sich so selbst etwas vormachen. Feststeht, dass Reframing Ihre Probleme in keinem Fall in Luft auflöst. Es hilft Ihnen lediglich dabei, die Dinge in einem neuen Licht zu betrachten und sich so das Leben zu erleichtern. Das stärkt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern unterstützt Sie bei der gezielten Suche nach alternativen Lösungen. Ziel ist es, achtsam die Perspektive zu wechseln und somit anderen Menschen und sich selbst gegenüber eine positivere Grundhaltung entgegenzubringen.

Natürlich hat auch das Reframing seine Grenzen. Einen Unfall als Anlass zu sehen, das Haus nicht mehr zu verlassen, entspricht nicht dem Sinn des Reframings. Reframing dient nicht der Beschönigung jeglicher Situation, sondern öffnet die eigene Wahrnehmung für neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten.

Quellen: "Forming attitudes via neural activity supporting affective episodic simulations", Kunstuniversität Linz, Uni Köln, Spektrum, Satir, V., Baldwin, M. – Familientherapie in Aktion, die Konzepte von Virginia Satir in Theorie und Praxis