Pankower Denkmalbedenken – Thälmann-Denkmal wird "kommentiert"

Seit Jahren streiten sie in Pankow um das Thälmann-Denkmal. Diese Woche soll eine "künstlerische Kommentierung" enthüllt werden, mit der es versehen wurde. Der Vorgang ist ein Paradefall im Trauerspiel um die Erinnerungskultur in Deutschland.

Pankower Denkmalbedenken – Thälmann-Denkmal wird "kommentiert"

Es gibt Augenblicke, die wichtiger sind als ein ganzes Leben. Es gibt Menschen, die werden wegen einer einzigen Tat geehrt. Eine Erfindung, ein mutiger Moment. So war es immer in der europäischen Kultur: Heldengeschichten werden vom Ende her gelesen. "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus ... " Mit diesen Worten beginnt die Ilias von Homer.

Das Christentum hat einige Akzente in dieser Sicht verändert, aber nicht die Blickrichtung. Anders wären Bekehrung und Vergebung schwer unterzubringen. Bedenke das Ende, lautete der Leitgedanke, und das Vorleben einer Maria Magdalena oder eines gewissen Saulus ist nicht weiter von Interesse.

Ein Held sei, so eine Definition im Duden, eine "männliche Person, die sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihr Bewunderung einträgt". Ist Ernst Thälmann nach dieser Definition ein Held? Ohne jeden Zweifel.

Ernst Thälmann, Vorsitzender und Reichstagsabgeordneter der KPD, wurde am 3. März 1933 von den Nazis verhaftet. Sie planten einen großen, öffentlichen Prozess gegen ihn, so wie sie auch den Reichtagsbrandprozess geplant hatten. Nachdem sie Letzteren aber wider Erwarten vor internationalem Publikum krachend verloren, unterließen sie es, den Prozess gegen Thälmann zu führen. Sie hielten ihn bis August 1944 ohne Verfahren in Haft. In dieser Zeit versuchten sie mit allen Mitteln, ihn zu brechen oder zu anzuwerben; es gab keinen anderen Gefangenen, bei dem ihnen das mehr bedeutet hätte. Folter und Bestechung – sie versuchten alles.

Im Sommer 1944, als die Niederlage schon zu erkennen war, erschossen sie ihn heimlich in Buchenwald.

Eigentlich muss man über die Person Thälmann nicht mehr wissen als das, denn das genügt als "ungewöhnliche Tat, die Bewunderung einträgt". Zumindest, wenn man einmal Berichte aus den Folterkellern der Hitlerfaschisten gelesen hat. Wenn man weiß, welcher Triumph es für sie gewesen wäre, einen "gewendeten" Thälmann vorzuführen, und daher erahnen kann, auf welch vielfältige Art und mit welcher Kraft er widerstehen musste. Nein, es war kein aktives Handeln, das ist für Gefangene bekanntlich schwer. Und dennoch fügte er ihnen eine schwere Niederlage zu.

Die SPD in Pankow, die an dem Thälmann-Denkmal schwer zu tragen scheint, schrieb: "Für einige Pankower:innen ist Ernst Thälmann ein Vorbild und Antifaschist, für andere Pankower:innen ist er ein Stalinist und Antidemokrat sowie ein Symbol eines diktatorischen Staatsapparates, wiederum anderen ist er völlig unbekannt." Seit dem Jahr 2013 arbeiten sie daran, das Denkmal, wenn es nicht zu beseitigen ist, doch inhaltlich zu entleeren. "Kommentierung" nennen sie das. "Dabei soll die Person Ernst Thälmann und sein politisches Handeln sowie dessen Instrumentalisierung in der DDR in seiner vollen Komplexität erläutert und insbesondere die verschiedenen Sichtweisen auf Thälmann beleuchtet werden."

Nun, dass die Pankower SPD die Geschichte der westlichen Republik nur oberflächlich kennt, ist ihr nicht wirklich vorzuwerfen. Aber das Pankower Thälmann-Denkmal fällt nicht nur auf, weil es so groß ist. Es fällt vor allem auf, weil es im Westen der Republik kein Denkmal für ihn gibt. Wie es überhaupt wenige Denkmäler für Antifaschisten gibt und die meisten davon sind jüngeren Datums. Das hochoffizielle Denkmal für die Helden des 20. Juli ist verschämt nüchtern. Das war in der Bonner Republik mit ihrer düsteren Kontinuität auch gar nicht anders möglich.

Allerdings, selbst diesem Denkmal würde die SPD Pankow einiges hinzufügen müssen. Immerhin waren die Offiziere, die an dieser Verschwörung beteiligt waren, davor fünf Jahre lang brave Befehlsempfänger des Vernichtungskriegs gewesen und damit persönlich weit schuldiger, als selbst der bösartigste Historiker Ernst Thälmann unterstellen könnte, der schließlich keinen einzigen Tag regiert hat und auch keine Divisionen kommandierte.

Und dennoch wäre eine solche Kommentierung falsch. Denn die philisterhafte Mode, jeden Makel in der Biografie einer Person heranzuziehen, um sie des Gedenkens unwürdig zu erklären, ist letztlich weit inhumaner als jegliche Form des Heldengedenkens. Sie führt in letzter Konsequenz dazu, dass niemand übrig bleibt, dessen gedacht werden kann, da Unvollkommenheit leider ein menschliches Merkmal ist; sie verleugnet, dass es tatsächliche Handlungen gibt, die zu Recht Bewunderung eintragen, und sie übergeht völlig die größte Fähigkeit des Menschen – zu erkennen, zu wachsen, sich zu ändern.

Was das Symbol Thälmann angeht, das hat die DDR nur geerbt. Sozialdemokraten müssen das nicht wissen, aber in den 1930er-Jahren gab es auf der ganzen Welt Demonstrationen für die Freilassung Thälmanns. Das war ja einer der Gründe, warum die Nazis ihn so gerne gebrochen hätten. Er war für all diese Menschen außerhalb Deutschlands ein Symbol dafür, dass ein anderes Deutschland als das Hitlersche existiert und ungebrochen ist. Er war dieses Symbol auch für all die kommunistischen Widerstandskämpfer in Nazideutschland. Er war es für die Kämpfer der internationalen Brigaden in Spanien und der Résistance in Frankreich. Natürlich hat die DDR dieses Erbe nicht zurückgewiesen. Aber die eigentliche Frage ist, warum die heutige BRD, die doch von sich stets wortreich behauptet, nichts mehr mit Nazis zu tun zu haben, diese historische Tatsache nicht einfach anerkennen kann.

Wäre das, was 1990 passiert ist, tatsächlich eine Wiedervereinigung gewesen, dann hätte der neue Staat sein Gedenken an den antifaschistischen Widerstand ändern müssen. Er hätte es aus der Schmuddelecke geholt, in der es in der Westrepublik verstaut war und seinen historischen Anspruch auf eine Abstammung vom nicht-nazistischen Deutschland auch in der Erinnerungsgeografie verankert; in Straßennamen und Denkmälern.

Tatsächlich wurden Namen von Antifaschisten auf dem Gebiet der DDR um ein Vielfaches mehr ausgetilgt als im Westen hinzugefügt. Die Thälmann-Denkmäler sind fast die letzten Reste, die übrig geblieben sind. Und sie stehen nirgends unangegriffen. Während das Berliner Denkmal "kommentiert" wird, wird das Denkmal in Weimar verhüllt. Als vor wenigen Wochen in Ziegenhals die Gedenkplakette gestohlen wurde, verbuchte die Polizei das unter Altmetalldiebstahl.

Die Berliner SPD, die nebenbei bemerkt über Jahrzehnte eines der größten gegen die DDR gerichteten Spionagebüros unterhielt und damit nicht unwesentlich zum Belagerungszustand beitrug, macht dem im Jahr 1944 ermordeten Ernst Thälmann die DDR zum Vorwurf. Und die Berliner Linkspartei, in Gestalt des Pankower Bezirksbürgermeisters Sören Benn, erklärt, man müsse "dieses Monstrum von Denkmal vom Sockel holen und sichtbar brechen". Sie begreifen nicht, welche Bedeutung Thälmanns Unbeugsamkeit für das deutsche Ansehen in der Welt hatte und dass diese Standhaftigkeit über elf Jahre hinweg zu Recht geehrt wurde. Und sie übersehen, mit wem sie sich gemein machen, wenn sie Thälmann brechen wollen.

In meiner Jugend, in der man noch ehemaligen KZ-Häftlingen begegnete, stellte man sich die Fragen: Hätte man selbst den Mut aufgebracht, Widerstand zu leisten? Hätte man Folter und Tod riskiert? Oder wäre man in der fügsamen Masse verschwunden? Für uns waren diese Menschen Helden, das stand außer Zweifel, und keine persönliche Schwäche änderte daran etwas. Nur, wenn man sich nie mit solchen Gedanken befasst hat, kann man meinen, Denkmäler für Thälmann wären zu Unrecht errichtet.

Ja, das Pankower Thälmann-Denkmal ist groß und sehr sichtbar. Aber in Wirklichkeit stört es, weil es darauf hinweist, wie zwergenhaft in bester westlicher Tradition andernorts des antifaschistischen Widerstands gedacht wird. Weil die westliche Republik nur wenige Jahre brauchte, um die überlebenden kommunistischen Widerstandskämpfer erneut in die Gefängnisse zu befördern, während die meisten Nazis in Amt und Würden zurückkehrten. Es wirkt für den Betrachter gigantisch, weil er sonst nur kleine, unauffällige Denkmäler für den Widerstand kennt. Aber für das, was es bräuchte, um die sichtbare Erinnerung in Deutschland ins Gleichgewicht zu bringen, ist es noch um Dimensionen zu klein.

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