P. Köster: Kabinenpredigt: Der Fall Markus Anfang: Was bleibt, ist Fassungslosigkeit

Werder-Trainer Markus Anfang hat offenbar seinen Impfpass gefälscht und tritt zurück - das macht fassungslos. Doch der Fall zeigt, wie sehr im Fußball beim Thema Corona Hybris, Ignoranz und Leichtsinn regieren.

P. Köster: Kabinenpredigt: Der Fall Markus Anfang: Was bleibt, ist Fassungslosigkeit

Werder-Trainer Markus Anfang hat offenbar seinen Impfpass gefälscht und tritt zurück - das macht fassungslos. Doch der Fall zeigt, wie sehr im Fußball beim Thema Corona Hybris, Ignoranz und Leichtsinn regieren.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Am späten Freitagnachmittag war öffentlich geworden, dass die Staatsanwaltschaft Bremen gegen Markus Anfang, den Trainer des örtlichen Zweitligisten SV Werder ermittelt. Der spektakuläre Vorwurf: Nutzung eines gefälschtes Impfzertifikats. Die Chargennummer und das Datum der Impfung hatten den Argwohn des Gesundheitsamtes erregt.

Nicht einmal 24 Stunden später war schon alles vorbei. Da hatte der Klub den Rücktritt des Coachs und seines Assistenten bekannt gegeben. Und obwohl Anfang lavierte, er habe sich lediglich "aufgrund der inzwischen extrem belastenden Lage für den Verein, die Mannschaft, meine Familie und auch mich“, für den vorzeitigen Abgang entschieden, war die Demission ein Schuldeingeständnis. Hätten die Vorwürfe keine Substanz, wäre Anfang niemals zurückgetreten.STERN PAID Joshua Kimmich 15.00

Es ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch

Zurück bleibt Fassungslosigkeit! Über einen Coach, der offenbar aus Bequemlichkeit oder unreflektierten Ängsten die Impfung gegen eine schwere Krankheit vortäuschte, sich noch nicht einmal die Mühe machte, den Termin der Zweitimpfung mit seinem Kalender abzugleichen – und für den Fall der Entdeckung riskierte, seine komplette Karriere aufs Spiel zu setzen.kurzbio Köster

Nun wird der Profifußball alles tun, um den Täuschungsversuch des Bremer Trainers als bedauerlichen Einzelfall abzutun. Doch jeder neuer Vorfall macht deutlich: Es handelt sich um ein systemisches Versagen, gespeist aus Hybris, Ignoranz und Leichtsinn. Denn bevor der Bremer Trainerstab in die Schlagzeilen geriet, gehörten diese ja dem Bayern-Profi Joshua Kimmich. Der hockt, anstatt zu trainieren und  beim Punktspiel in Augsburg aufzulaufen, zum wiederholten Mal daheim in Quarantäne – aus halbgaren Bedenken vor imaginären "Langzeitfolgen“ einer inzwischen milliardenfach erprobten Impfung.

Natürlich ist zu differenzieren. Markus Anfang hat sich strafbar gemacht, Kimmich hat lediglich bewiesen, dass ihm gesellschaftliche Solidarität nicht soviel bedeutet, wie man aufgrund früheren Engagements zu erwarten gewesen wäre. Beide Fälle sind jedoch nur möglich gewesen, weil sich weite Teile des Profifußball seit Beginn der Pandemie um gesellschaftliche Verantwortung gedrückt haben und stattdessen mit beeindruckender Penetranz eine Sonderrolle beansprucht haben.

Salihamidzic irrt gewaltig

Das begann mit den aggressiven Forderungen zahlreicher Klubbosse nach einem Frühstart des Profifußballs inmitten einer stillgelegten Gesellschaft im Frühjahr 2020 – wir erinnern uns an den hochnotpeinlichen PR-Gipfel mit Aki Watzke und Kalle Rummenigge beim Boulevardblatt "Bild". Das setzte sich fort mit der nonchalanten Ignoranz der Corona-Regeln im alltäglichen Betrieb – wo bitteschön wurden die so gelobten Hygienevorschriften der DFL wirklich befolgt? Und fand seinen vorläufigen Tiefpunkt im hasenfüßigen Umgang mit Impfverweigerern in den Mannschaften. Man musste sich nur Bayern-Sportdirektor Hassan Salihamidzic anhören, der allen Ernstes an Sonntag verkündete, er selber sei zwar fürs Impfen, aber: "Dies ist aber nicht die Meinung vom jedem, das muss man akzeptieren.“STERN PAID Volker Struth 12.08

Hier irrt Salihamidzic gewaltig. Man muss nicht akzeptieren, dass hochbezahlte Spieler sich um ihre Verantwortung drücken und durch ihr Verhalten und ihr Vorbild dazu beitragen, dass uns alle diese Pandemie immer weiter im Klammergriff hält. Und man könnte als Funktionär auch begreifen, dass die Klubs nicht immer nur das tun sollen, was ihnen per Gesetz vorgeschrieben wird. Sondern dass der Fußball selbst aktiv werden muss. Etwa in dem er eine Null-Toleranz-Politik gegenüber ungeimpften Sportlern durchsetzt. Indem er für die maximale Sicherheit der Zuschauer sorgt und nicht in Berlin mitten in explodierenden Inzidenzen ein Stadion bis zum letzten Platz füllt, 2G-Konzept hin oder her. Und vor allem indem er begreift, dass gesellschaftliche Bedeutung nicht immer nur dann reklamiert werden darf, wenn es darum geht, Privilegien abzugreifen, sondern auch dann, wenn es darum geht, auf etwas zu verzichten oder unbequeme Wege zu gehen.  Dann, und nur dann, wird der Fußball einigermaßen unbeschadet durch die Pandemie kommen.