M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hölle alaaf!

Täglich niest das Murmeltier: ein bisschen fad, wie sich gerade alles wiederholt. Aber vielleicht wird wenigstens eine Mutante nach uns benannt.

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hölle alaaf!

Täglich niest das Murmeltier: ein bisschen fad, wie sich gerade alles wiederholt. Aber vielleicht wird wenigstens eine Mutante nach uns benannt.

Als ich unlängst einen sehr prominenten Klavierspieler sah, der seinen Booster-Shot mit einem Foto seines gepflasterten Oberarms ("Sehr dankbar") dokumentierte, war klar: Jetzt geht die ganze Scheiße wieder von vorne los.

Da war zum einen natürlich Bitterkeit, selber die Gelegenheit verpasst zu haben, mit einem Impfselfie meinen trainierten Bizeps zur Schau zu stellen. Zum anderen ist die Aussicht, pandemische Repetitionstage zu haben, sagenhaft deprimierend. Ist es womöglich die Kunst, die uns ein falsches Bild der Welt suggeriert? Im Film wäre mit der Entdeckung des Impfstoffs das Jahr 2020 zu Ende gegangen. Das Virus besiegt, Happy End, in den Schlusstiteln noch ein überraschender Gastauftritt von Mario Adorf als Bundespräsident, der dem Biontech-Vorstand das Verdienstkreuz verleiht, fertig.kurzbio beisenherz

Stattdessen dasselbe Chaos wie vergangenes Jahr, aber wie bei allen Remakes: dieselbe Story, nur die Einfälle sind mau. Gut, fairerweise muss man sagen: Dass eine signifikante Zahl an Menschen den rettenden Impfstoff einfach verweigert – darauf wäre natürlich kein Storyteller gekommen. Andererseits: Dass Politiker mit finsterer Miene zu neuer Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Infektionszahlen mahnen, während ein paar Kilometer weiter Hunderttausende auf den Kölner Straßen einen Schunkelflashmob bilden, nun, solche Pointen muss man doch beinahe lieben. Menschen, wat'ne Truppe.

So sehr man die Narren verachten kann, sind sie doch sinnbildlich für unsere Gesellschaft, die ungeachtet der drohenden Katastrophe ausgelassen tanzt, weil, tja, irgendwie auch alles scheißegal scheint. Irgendwann ist auch mal gut. Und dann doch überhaupt nicht. Alles, was wir überwunden glaubten, kommt zurück: "Wetten, dass ..?", "TV Total", "Geh aufs Ganze". Ich nahm ja an, mit Friedrich Merz sei der Bedarf an Retro gedeckt, aber das wäre wohl zu langweilig gewesen. Vermutlich rennen sie, während ich hier schreibe, schon wieder mit acht Packungen Klopapier aus dem Supermarkt, beschränken Zonen mit Flatterband, schicken Frauen ihre Männer nach Monaten erneut zum Händewaschen.

Ein Freedom Day schien keine komplett geisteskranke Idee

Ein Gutteil nahm an, dass es mit der Zweitimpfung getan sei. Vor nicht einmal einem Monat schien selbst ein Freedom Day, wenn auch keine allzu gute, so doch auch keine komplett geisteskranke Idee. Wie angenehm, als man in der "Pandemie der Ungeimpften" noch mit dem Finger auf jene zeigen konnte, die aus Blödheit oder mangelnder "Solidarität" den Piks verweigerten. Spott, Hohn, Wut waren epidemiologisch legitimiert.STERN PAID Kommentar Corona-Politik 15.15

Jetzt gehören zu den praktisch Ungeimpften auch die, deren Immunitäts-TÜV unbemerkt abgelaufen ist – was sie aber gar nicht ahnen, weil man ihren QR-Code widerstandslos in die Schankwirtschaft durchwinkt. Hätte man alles kommunizieren können, im August etwa, als es mit den Drittimpfungen losging und parallel die Impfzentren dichtgemacht wurden. Aber die Bundesregierung hat so viel Weitsicht wie Kapitän Schettino, so wirkt es.

Mit der Begabung, wichtige Entscheidungen zu verpennen, um dann das Elend wieder und wieder zu durchleben, müsste unser Wappentier kein Adler, sondern das Murmeltier sein. Jetzt blicken wir sehnsüchtig ins geordnete Frankreich oder nach Portugal und warten, dass endlich eine Mutation nach uns Teutonen benannt wird. Ich würde dieses Elend ja gern mit Freunden in einer der gemütlichen Kneipen Hamburgs besprechen, allein, meine Sorge ist: Im Winter werden wir es gar nicht mehr da reinschaffen. Dafür mache ich bei der vierten Impfung ein Foto. Versprochen.

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