M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Freiheit – zwischen Impfselfies und körperlicher Kleingärtnerei

Man sollte meinen, dass Statistiken und belastbare Studien reichen, um sich für die Corona-Impfung zu entscheiden. Aber der Mensch ist ein spezielles Säugetier: trotzig, schlecht informiert, faul und bräsig, findet Micky Beisenherz.

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Freiheit – zwischen Impfselfies und körperlicher Kleingärtnerei

Man sollte meinen, dass Statistiken und belastbare Studien reichen, um sich für die Corona-Impfung zu entscheiden. Aber der Mensch ist ein spezielles Säugetier: trotzig, schlecht informiert, faul und bräsig, findet Micky Beisenherz.

"Freiheit". Was waren das für schöne Zeiten, als wir das noch als das Hossa von Joachim Gauck verlachen konnten. Nunmehr ist der Begriff schlechter gealtert als "Eigenverantwortung" oder der Friedensnobelpreis der EU. Was ist hier eigentlich passiert? Es ist November 2021, und dieses ganze Theater geht von vorne los.

Das Einzige, was geboostert erscheint, sind die Inzidenzen, und die Begleiterscheinungen sind unvermeidlich. Absagen, Verschärfungen, zehntausende Tweets, die wechselweise dazu aufrufen, zu Hause zu bleiben, Abstand zu halten, und sich um Gottes Willen impfen zu lassen. Vorzugsweise von Menschen aus dem darstellenden Gewerbe, die auf keinen Fall die Gelegenheit ungenutzt lassen wollten, den Infektionsschutz-Leistungsnachweis mit der Öffentlichkeit zu teilen und sich artig die Schulterklopfer dafür abzuholen.kurzbio beisenherz

Selbstredend nur von denen, die die Epidemie genauso wahrnehmen wie sie. Würde die behauptete Zielgruppe davon Notiz nehmen, fühlte sie sich vermutlich höchstens belästigt. Man bleibt ja mittlerweile konsequent unter sich. Parallelpandemien.

Schon klar, das liest man nicht gerne, weil man mit den 20 "Lasst euch impfen!"-Tweets pro Woche "wichtige Arbeit" leistet. Was in etwa so richtig ist wie der Glaube, mit gesunder Ernährung und ein bisschen Radfahren ein so starkes Immunsystem zu haben, um auch ohne Impfung durch die Pandemie zu kommen.

Als gäbe es nicht Millionen Belege, warum das Unsinn ist. Gleichsam gibt es überzeugende Studien, was bei der Pandemiebekämpfung funktioniert und was nicht. 2G, partielle Impfpflicht wie in Österreich oder Frankreich. Gelungene, passgenaue Kommunikation (z.B. via SMS) wie in Spanien. Eine rechtzeitig angelaufene Boosterimpfungs-Kampagne wie in Israel.

In Deutschland hatten wir davon bislang in etwa: nichts. Zumindest sind wir nun das Stigma los, ein Volk von obrigkeitshörigen Funktionsfetischisten zu sein. Stattdessen ein Machtvakuum, und irgendwo in die Stille hinein die Ein-Mann-Opposition Markus Söder, die es ja immer schon gewusst haben will. Fast rührend, wie talentiert die deutsche Regierung (also, beide) darin ist, dem Geschehen hinterherzustolpern, anstatt Verläufe zu antizipieren. Ist aber nach 20 Monaten auch ein wenig zu viel verlangt.

Pietro Lombardi gilt plötzlich als kluger Vordenker

Wenn ein Pietro Lombardi plötzlich zu den klugen Vordenkern der Nation gehört, denen man zuhören sollte, dann ist das auch ein Krisensymptom. Von Olaf Scholz zumindest war nichts zu hören, was nach klarer Führung in die frostigen Monate hinein schmeckte. Mit seiner "Deutschland gewissermaßen winterfest machen"-Rede im Bundestag wirkte er zuletzt kaum druckvoller als der Typ aus der Carglass-Reklame.STERN PAID 47_21 Keine Rücksicht auf die Rücksichtslosen! 9.12

Und Angela Merkel? Komm, egal. Worüber reden wir hier eigentlich? Es geht hier um das erwiesenermaßen einzig mögliche Mittel, den Weg aus der Pandemie herauszufinden – und wir diskutieren das Ganze auf dem Niveau von irgendwas zwischen Rauchverbot und Russisch Roulette. Man sollte ja meinen, dass Statistiken und belastbare Studien reichen, um sich für die Vakzinierung zu entscheiden, aber der Mensch ist schon ein ganz spezielles Säugetier. Trotzig, schlecht informiert, faul und bräsig.

Dass die Politik sich wehrt, sich von dem Versprechen zu befreien, dass es keine Impfpflicht geben wird, erinnert fast an die unselige Situation, in die sich so mancher Impfgegner hinein geschraubt hat ohne Aussicht, sich ohne Gesichtsverlust vor der eigenen Peer Group impfen zu lassen.

Bürger sollen Verstöße gegen 2G-Auflagen melden

Wäre es nicht angebracht, die neue Sachlage zum Anlass zu nehmen, die eigene Politik ernsthaft infrage zu stellen? Mitunter wird es schon fast komisch, wenn man sich gegen die Impfpflicht entscheidet, weil "das die Gesellschaft spaltet", während man gleichzeitig wie Hamburgs Innensenator die Bürger dazu aufruft, Verstöße gegen 2G-Auflagen zu melden. Gewiss, das dürfte die Spannungen abbauen.

In der Unverrückbarkeit der Grundsätze, der geistigen Starre ist man sich dann irgendwie sehr nah. Womit wir wieder bei der Freiheit wären. Die kann man nicht mal eben so beiseite räumen, wenn der Zeitgeist es verlangt, sicher. Freiheit ist ein hohes Gut. Es ist völlig legitim, sie zur Basis seines Daseins auszurufen.AustrianImpfaktion 1755

Wer aber seine Ideologie nicht an veränderte Gegebenheiten anzupassen weiß, der droht sich schnell zum Deppen zu machen. Man behauptet, der eigene Körper sei ein Tempel und verhält sich, als handele es sich um einen Kleingarten. Wo ist denn da die Weitsicht der visionären Freigeister? Ist es so schwer nachzuvollziehen, dass dieses temporäre Aussetzen individueller Freiheit das Einzahlen in eine ungleich größere bedeuten würde?

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass es nicht selten dieselben sind, die sich darüber aufregen, dass ein Feldhamster große Bauvorhaben in – "typisch!" – Deutschland blockiert, aber nicht begreifen, dass sie als individuelle Impfbremse einem zukunftsfähigen Land im Wege stehen.

Und warum ist es eigentlich an uns, uns über diese Dinge mit den gerade mal zehn Prozent der Bevölkerung zu streiten, die sich partout nicht impfen lassen wollen. Mit einem Impfstoff, den zu verimpfen gerade kaum jemand hinterher kommt. Weil wieder einmal alles vorausschauende Handeln verpasst wurde. Da könnte man gut die Regierung anklagen, da der Fisch bekanntlich stets am Kopf zu stinken anfängt. Dummerweise hat der Fisch nicht mal mehr einen.