Little Amal – eine Wachsfigur als Gruselfigur und Beleidigung syrischer Flüchtlinge

Little Amal, eine 3 Meter große Marionette, schlurft auf die Bühne der COP26-Klimakonferenz in Glasgow. Sie scheint einem gruseligen Märchen der Gebrüder Grimm entsprungen, kommt aber aus dem Schoß der schlimmsten Triebe des westlichen Liberalismus. Unlängst waren jene Griechen im Recht, sie mit Steinen zu bewerfen.

Little Amal –  eine Wachsfigur als Gruselfigur und Beleidigung syrischer Flüchtlinge

Ein Kommentar von Graham Dockery

Little Amal, eine glubschäugige Wachsfigur als angebliches Abbild eines 10-jährigen syrischen Mädchens, wurde von britischen Aktivisten und südafrikanischen Puppenspielern entworfen und gebaut und machte sich diesen Sommer auf eine 4.000 km lange "Wanderung" von der syrisch-türkischen Grenze bis nach Großbritannien. Ihre Reise sollte jene Odyssee von Flüchtlingskindern symbolisieren und zu einen "Fest der Migration und kulturellen Vielfalt" werden. Seitdem hat sie ihr Portfolio noch um die Themen "Klimawandel" und "Gender" erweitert und nahm ihre endgültige Gestalt am vergangenen Dienstag an, als sie auf der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow auf die Bühne rollte, um den sogenannten "Gender Day" zu eröffnen, der aus Gründen existiert, die außerhalb der NGO-Medien-Bürokraten-Blase niemandem bekannt sind.

Ihr Erscheinen wurde von den anwesenden Anzugträgern und Bürokraten und sogar von den Medien mit Ehrfurcht begleitet, und selbst die angeblich neutrale Agentur Reuters nannte ihre Ankunft einen "Samen der Hoffnung für die COP26". Jeder, der nicht dafür bezahlt wurde oder nicht dazu verpflichtet war, diesem grotesken Spektakel zu applaudieren, hätte vielleicht innegehalten, um ein paar Fragen zu stellen. Sind zum Beispiel die Vertreter der westlichen Länder, die auf der COP26 so sehr von Little Amal entzückt sind, nicht dieselben Vertreter jener Länder, die den gescheiterte Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad unterstützen oder aktiv unterstützt haben, was die europäische Flüchtlingskrise überhaupt erst ausgelöst hat? Und was hat das "Gendern" eigentlich mit dem "Klima" zu tun? War die europäische Flüchtlingskrise nicht hauptsächlich ein Zustrom von jungen Männern aus Afrika und dem Nahen Osten? Und wie genau trägt ein wandelndes "Fest der illegalen Einwanderung" dazu bei, das Wetter (oder gar das Klima) zu verbessern?

Aber der Punkt ist nicht, über dergleichen zu reflektieren. Der Punkt sollte vielmehr sein, sich von Schuldgefühlen überwältigen zu lassen und sich jedweder liberalen Politik zu ergeben, die von den Strippenziehern wie hinter Little Amal vorangetrieben wird, sowohl buchstäblich wie auch im übertragenen Sinne. Amal zuckt in Griechenland mit den Augenlidern? Vergesst Grenzen und Gesetze und öffnet die Schleusen. Amal schüttelt in Rom dem Papst die Hand? Damit seid auch ihr gemeint, ihr Katholiken! Amal zieht mit Schulkindern im "Klimastreik" durch Glasgow? Es wird Zeit, Cheeseburger gegen Mehlwürmer und Soja einzutauschen, alter weißer Mann! Offene Grenzen, Geschlechtergerechtigkeit und Bestrafungen in Gestalt von Umweltabgaben und -vorschriften sind die wichtigsten Ziele westlicher Regierungen, NGOs und multinationaler Organisationen – und Little Amal ist ein Avatar für sie alle.

Und so wurde Little Amal in Großbritannien herzlich aufgenommen – und lokale Politiker und Würdenträger kamen in Scharen, um ihr tief in die Plastikaugen zu schauen und ihren Plattitüden zu lauschen. "Migrationsgerechtigkeit = Klimagerechtigkeit", verkündete sie – und alle klatschten wie dressierte Zirkustiere. Sogar der Erzbischof von Westminster – ein Mann, von dem man annehmen würde, dass er über Anbetung falscher Götter und Götzen erhaben ist – zeigte sich wie gebannt.

"Die eine Hälfte in mir sagt: 'Komm schon, das ist eine Marionette.' Und die andere Hälfte in mir hat mit ihr gesprochen", erzählte er im letzten Monat. "Das war nicht bloß eine Marionette – obwohl sie natürlich eine ist –, sondern sie verkörpert die ganze Dimension unserer menschlichen Familie. Es entstand eine starke emotionale Präsenz und eine Anziehungskraft, die sich irgendwie besonders in ihren Gesten ausdrückte."

Die Pilgerreise von Little Amal wurde finanziert von britischen und EU-Steuerzahlern, von der New York Times, religiösen Organisationen, Universitäten und einer Reihe von migrationsfreundlichen NGOs und Stiftungen, darunter Amnesty International und die britische Rothschild-Foundation.

Und doch verlief ihre Reise nicht immer reibungslos. In der griechischen Stadt Larissa, wo 2019 ein neues Flüchtlingslager eröffnet worden war, wurde sie mit Steinen beworfen. Die Griechen, die seit 2015 an vorderster Front des Flüchtlingskrise stehen, waren verständlicherweise nicht so begeistert von einem "Fest der Migration und der kulturellen Vielfalt", wie es sich Amals globalistische Unterstützer wünschen.

Es muss angemerkt werden, dass die Agenda, die Little Amal vorantreibt, nicht allen verhasst ist. So möchte eine Mehrheit der europäischen Wähler, dass ihre Regierungen die globale Erwärmung bekämpfen, und obwohl die Migrationspolitik der Europäischen Union seit 2015 verschärft wurde, gibt es bei den europäischen Bürgern einen gewissen guten Willen gegenüber Einwanderern.

Doch die Einwanderungspolitik wird Europas Kultur und Demografie für kommende Generationen prägen, und die Klimapolitik wird jeden Aspekt unseres Lebens in Zukunft beeinflussen. Unabhängig davon, wie man zu den Themen die auch Little Amal vorantreibt, stehen mag – was man auf jeden Fall verachten und lächerlich machen sollte, ist eine solche Führungsclique, die meint, sie könne ausgerechnet mit einer gruseligen Kindermarionette Erwachsene dazu bringen, sehr ernsthafte und lebensverändernde politische Entscheidungen zu akzeptieren.

Diese Eliten geben in einem Moment vor, ernsthafte Menschen zu sein, und im nächsten Moment verkaufen sie Ihnen ihre Weltsicht vermittels eines Puppentheaters. Egal, ob die steinewerfenden Griechen diese Beleidigung begriffen hatten oder ob sie "Little Amal" nur aus einem Instinkt heraus anwiderte – sie hatten recht, dieses Schreckgespenst mit Steinen zu bewerfen.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Graham Dockeryist ein irischer Journalist, Kommentator und Autor bei RT. Zuvor lebte er in Amsterdam und schrieb für die DutchNews und einer Reihe lokaler und überregionaler Zeitungen.

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