Krise der US-Vizepräsidentin: Mittendrin, aber nicht dabei – das langsame Beiseitegleiten der Kamala Harris

Was macht eigentlich... Kamala Harris? Die US-Vizepräsidentin wurde beinahe als de-facto-Staatschefin gehandelt, doch sie tut sich schwer. Wichtige Mitarbeiter kündigen und die rechte Presse klatscht sich bereits hämisch in die Hände.  

Krise der US-Vizepräsidentin: Mittendrin, aber nicht dabei – das langsame Beiseitegleiten der Kamala Harris

Was macht eigentlich... Kamala Harris? Die US-Vizepräsidentin wurde beinahe als de-facto-Staatschefin gehandelt, doch sie tut sich schwer. Wichtige Mitarbeiter kündigen und die rechte Presse klatscht sich bereits hämisch in die Hände.  

Manchmal werden die Dinge erst dadurch klein, indem man sie extra betont. So lässt sich ein Tweet von Jen Psaki verstehen, den sie neulich über die Vizepräsidentin Kamala Harris verfasst hat: "An alle, die es noch einmal hören wollen: Die Vizepräsidentin ist nicht nur eine unverzichtbare Partnerin für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern auch eine mutige Führungspersönlichkeit, die sich den wichtigsten Herausforderungen des Landes stellt: vom Wahlrecht über die Bekämpfung der Migrationsursachen bis hin zum Breitbandausbau." Jen Psaki also, Sprecherin des Weißen Hauses, fühlt sich genötigt zu erklären, welche Bedeutung eine Vizepräsidentin hat und was sie den ganzen Tag so treibt.

Für jemanden wie Kamala Harris, die manche bereits als de-facto-US-Staatoberhaupt gesehen haben, ist diese Einlassung beinahe schon ehrenrührig. Auf jeden Fall zeigt der Post, wo die 57-Jährige derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung steht. Und es ist nicht schön dort.

Vier Jahre Trump und dann kam Kamala

Rückblende November 2020: Als nach dem zähen Stimmenauszählprozess langsam klar wurde, dass Joe Biden der nächste US-Präsident und Kamala Harris US-Vizepräsidentin werden würden, überschlug sich die eine Hälfte der USA (der liberal-linke) sowie Teile des Rests der Welt vor Begeisterung. Nach vier düstereren wie hellhäutigen und testosterongeladenen Jahren, zog mit Harris endlich das moderne Amerika des 21. Jahrhunderts ins Weiße Haus: eine Frau, moderat mit indisch-jamaikanischen Wurzeln. Manche Stimmen lasen sich, als hätte das amerikanische Volk sie dem alten Biden im Oval Office als Aufpasserin und wahre Herrscherin an die Seite gestellt.

Wenig überraschend, dass sie die gigantischen Erwartungen bislang kaum erfüllen konnte. Jetzt, im November 2021, nur ein Jahr später, kündigt mit der Kommunikationschefin Ashley Etienne einer ihrer wichtigsten Mitarbeiterinnen - wegen einer "anderer Gelegenheit", mutmaßlich einer besseren. Auf den Fluren kursieren Witze über "VP", wie das Amt der Chefin genannt wird. Etwa der des Satiremagazins "The Onion", das Ende Oktober schrieb: "Weißes Haus drängt Kamala Harris den ganzen Tag am Computer zu sitzen, für den Fall, dass eine E-Mail kommt." Glaubt man US-Medien wie CNN, beschreibt die Ironie die Lage der Vizepräsidentin deutlich treffender als die pflichtschuldige Mitteilung der Regierungssprecherin. In einer Mischung aus Sorge und Neugier berichten die Zeitungen und Onlineportale von chaotischen Zuständen in Harris' Umfeld und einer darniederliegenden Moral ihrer Mitarbeiter.

STERN PAID Kamala Harris 11.19

Sie selbst, so heißt es, fühle sich gleichzeitig eingeengt als auch ausgegrenzt. So sei sie etwa beim Abzug der Amerikaner aus Afghanistan nicht eingebunden gewesen, gleichzeitig würde sie wiederum enge Vertraute hängen lassen. Joe Biden hat ihr das riesige wie undankbare Thema Einwanderung überantwortet. Folgerichtig ist sie für die Mittelamerika-Nachbarn zwar erste Ansprechperson, nicht jedoch für den Bereich Migration über die US-Südgrenze – derzeit einer der zentralen und größten Problemzonen der Vereinigten Staaten.

Entsprechende Schwierigkeiten hatte der zuständige Homeland-Security-Minister Alejandro Mayorkas als er erklären sollte, wie Kamala Harris ihre Kernaufgabe eigentlich mitgestalte. Sie sei nicht "direkt" in die Schlüsselentscheidungen des Ministeriums involviert, zitiert ihn der konservative Senator Josh Hawley. Zusammen hatten sie im Sommer einen gemeinsamen Termin in El Paso, an der Grenze zu Mexiko. Damals wollte Hawley auch wissen, wie oft und intensiv Mayorkas an die Vizepräsidentin berichte. Laut der "New York Post", in der sich der Senator an das Gespräch erinnert, fielen die Antworten des Ministers auffallend ausweichend aus.

"Kamala Harris ist eine seltsame Person"

Die zunehmende Kritik durch und an der einstigen Hoffnungsträgerin ist für die konservative und rechte US-Presse die willkommene Einladung, erst Recht auf sie einzudreschen. So verfasste eben jene "New York Post" kurz vor der Geschichte mit dem Grenzbesuch eine Kolumne mit dem Titel "Kamala Harris ist eine seltsame Person". Darin kramt Autor Kyle Smith allerhand missglückte Sätze hervor und bezeichnet ihre Aussagen als "Harrisschwätzerei". Die seien wie "ein Luftsalat mit Dampf-Croutons and Nichtigkeits-Dressing". Fox-News-Mann Tucker Carlson, ein Posterboy der neuen Rechten, zweifelte sogar ihre Staatsbürgerschaft an, weil sie eine Zeit lang in Kanada zur Schule gegangen war. 

Irgendwie fremd, elitär, auf jeden Fall abgehoben – wenn es um die US-Demokraten geht, gehören solche Vorwürfe zum Standardrepertoire rechter Medien. Bei Kamala Harris kommt noch hinzu, dass sie eine Frau mit akademischem Hintergrund ist, eine nichtweiße obendrein. Das macht sie suspekt und erinnert manche (selbst einige Parteifreunde) an Hillary Clinton. Die wollte zwei Mal ins Weiße Haus, schließlich kannte niemand Washington besser, niemand schien mehr als Staatsoberhaupt geeignet zu sein wie die einstige First Lady, ehemalige Senatorin und frühere Außenministerin. Und waren die Vereinigten Staaten nicht ohnehin bereit für eine Frau an ihrer Spitze? Die Antwort folgte am 8. November 2016 und lautete: no way.

STERN PAID Kritik US-Präsident 14.50

Clintons Niederlage lag unter anderem daran, dass sie allzu selbstverständlich davon ausgegangen war, gleichsam organisch ins Weiße Haus hinzuwachsen. Sie war die natürliche Bewohnerin, ihr damaliger Gegenkandidat Donald Trump ein Fremdkörper. Eine derartige Hybris mag Kamala Harris fern liegen, aber auch ihre Person wurde oft, vielleicht zu oft, mit der Rolle als natürliches, nächstes Staatsoberhaupt verknüpft. Joe Biden hatte sich selbst öfter als Übergangspräsident bezeichnet. Einer, der die Trümmer des Betriebsunfalls Donald Trump auffegt und das Weiße Haus besenrein an die nächste Generation übergibt. Doch mit der Aufgabe, sich um die Einwanderung zu kümmern, hat er seiner Stellvertreterin eher einen Bärendienst erwiesen.

"In der Migrationspolitik gibt es für Demokraten in den USA wenig zu gewinnen. Trump, der Republikaner, profilierte sich bei seinen rechten Wählerinnen und Wählern mit dem Bau einer Mauer, mit Abschreckung. Harris dagegen musste eine Linie suchen: humanitärer als Trump, aber nicht so liberal, dass die Lage an der Grenze außer Kontrolle gerät. Nach etwas mehr als einem halben Jahr muss man feststellen, dass sie daran gescheitert ist", schrieb stern-US-Korrespondent Raphael Geiger kürzlich. Fast im Wochentakt melden die Grenzer im Süden neue Höchststände von Lateinamerikanern, die in die USA wollen.

Eine Mehrheit ist immer unzufrieden 

Auch wenn manche Medien an den ständigen Rekordzahlen zweifeln, lässt das Thema Einwanderung das Einwanderungsland USA kaum jemanden kalt. Umfragen zufolge will je ein Drittel der Amerikaner die Migration stoppen, senken oder auf dem aktuellen Niveau beibehalten. Die konkreten und mitunter menschenunwürdigen Bedingungen der Südgrenze wird von fast allen US-Bürgern abgelehnt, doch mit jeder Entscheidung, die Kamala Harris darüber hinaus zur Migration trifft oder auch nicht trifft, eckt sie beim anderen zwei Drittel der Bevölkerung an. Sprich: richtig machen unmöglich. Wie soll sie es ihr bei dieser Ausgangslage gelingen sich ein Profil zu erarbeiten? Oder gar die Herzen der Menschen zu erobern?

Und was sagt sie selbst zu all dem? Kamala Harris lächelt die Probleme weg. In der Sendung "Good Morning America" ging sie nicht groß auf die Gerüchte ein, sagte nur, sie fühle sich nicht "ausgenutzt oder unausgelastet". Stattdessen verwies sie auf den ersten, knappen Erfolg der Regierung, das gigantische Infrastrukurpaket. "Es war eine gute Woche, wir kriegen die Dinge geregelt und wir schaffen es zusammen", so Harris demonstrativ kämpferisch.

Quellen: ABC News, "New York Post", CNN, The Onion, NPR.org, Jen Psaki auf Twitter, Gallup.com, SWR, Business Insider