Kampf gegen vierte Welle: Politiker wollen ihn nicht, Epidemiologen raten dazu: Was ein Lockdown jetzt bringen würde

Geht es nach der Politik, würde es den Begriff "Lockdown" vermutlich gar nicht mehr geben. Doch angesichts der steigenden Infektionszahlen ist die Option wieder in aller Munde. Die Frage ist, was würde ein Lockdown bringen?

Kampf gegen vierte Welle: Politiker wollen ihn nicht, Epidemiologen raten dazu: Was ein Lockdown jetzt bringen würde

Geht es nach der Politik, würde es den Begriff "Lockdown" vermutlich gar nicht mehr geben. Doch angesichts der steigenden Infektionszahlen ist die Option wieder in aller Munde. Die Frage ist, was würde ein Lockdown bringen?

"Es ist ernst, bitte nehmen Sie sie auch ernst." Mit diesem Appell wandte sich Angela Merkel Mitte März 2020 in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. Wenige Wochen zuvor hatte das Coronavirus Deutschland erreicht und breitete sich rasend schnell aus. Die Lage war unkontrolliert, nur wenige Experten kannten sich mit dem Sars-CoV-2-Erreger aus. Die Politik wusste sich nicht anders zu helfen, sie verhing einen Lockdown. Gut anderthalb Jahre und drei Lockdowns später wütet das Virus weiterhin unkontrolliert. Seit zwei Wochen vermeldet das RKI täglich Höchststände bei den Inzidenzen, zuletzt erreichte auch die Zahl der Neuinfektionen innerhalb eines Tages mit über 65.000 einen neuen Pandemierekord.

Doch diesmal ist die Situation eine andere, denn die vierte Welle, in der das Land gerade steckt, kam mit Ansage. "Einmal mehr ist der Zeitpunkt für frühzeitiges Handeln allen Warnungen zum Trotz verstrichen", wandten sich zuletzt 35 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem dreiseitigen Papier an die Politik. Das Infektionsgeschehen gerate außer Kontrolle, das Gesundheitssystem stehe vor dem Kollaps. "Wir empfinden eine tiefe Enttäuschung über die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und über den wiederholt nachlässigen Umgang mit dem Wohlergehen der Menschen, die auf den Schutz des Staates angewiesen sind." Handlungsempfehlungen der Wissenschaft seien "nur zögerlich, unvollständig oder nicht nachhaltig umgesetzt" worden. Stattdessen schloss die Politik einen Lockdown aus, Tests wurden kostenpflichtig und Impfzentren abgebaut.STERN PAID Corona Winter Update 07.56

Sie wiederzueröffnen dauert, denn es fehlt an Personal. Doch selbst mit der Impfung ist das Virus derzeit nicht mehr zu bremsen. Der Impfschutz lässt bei vielen wieder nach und mit dem Boostern läuft es nur schleppend. Die Politik versucht es mit 3 und 2G Regelungen. Doch auch das hilft nicht mehr, sagen Epidemiologen. "Es kommt darauf an, die Kontakte zu beschränken und das vor allem für die Ungeimpften", sagt der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften dem stern. Doch selbst das sei noch nicht ausreichend, um die vierte Welle zu brechen. "Auch die Geimpften müssen ran" – soll heißen: die Impfung auffrischen und Kontakte vor allem in Innenräumen umsichtig pflegen.

Ausgangsbeschränkungen für Geimpfte und Ungeimpfte

Ein Lockdown sei derzeit die einzige Maßnahme, um das Infektionsgeschehen abzumildern und sollte "von der Politik nicht generell ausgeschlossen werden." Notfalls müsse ein Lockdown für alle verhängt werden. Laut Ulrichs ein Ärgernis, das verhindert werden könne, wenn sich auch die Ungeimpften immunisieren ließen. Also doch eine Pandemie der Ungeimpften? Der Chef-Epidemiologe Christian Drosten hatte dies zuletzt mit den Worten zurückgewiesen: "Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie." Dass auch eigentlich geimpfte Bürger zur Pandemie beitragen, belegen derzeit mehrere Studien, die die Wirksamkeit der Impfstoffe untersucht haben. Demnach nimmt der Schutz innerhalb der ersten sechs Monate bei allen Vakzinen ab, das Infektionsrisiko steigt. Auch deshalb sind die Booster-Impfungen derzeit besonders gefragt.

Allerdings treiben Ungeimpfte die Virusverbreitung derzeit noch stärker voran. Jüngsten Daten des RKI zufolge ist die Sieben-Tage-Inzidenz bei symptomatischen Corona-Fällen unter Ungeimpften dreimal so hoch wie bei Geimpften. Gleichzeitig verwies das RKI darauf, dass die Impfquote ein unterschiedliches Testverhalten verursacht und die Zahlen so verzerren könnte.STERN PAID Booster-Impfungen Studien 17.00

Das 14-Tage-Minimum

Klar ist aber: Das Virus verbreitet sich über Kontakte. Ein Lockdown, für den sich zuletzt immer mehr Wissenschaftler ausgesprochen hatten, müsste nach Angaben von Infektionsepidemiologen Timo Ulrichs mindestens 14 Tage dauern. "Die Erfahrung lehrt, dass die Wirkung erst mit einer Zeitverzögerung von mindestens zwei Wochen einsetzt", sagt er. Damit diese möglichst schnell wirken, müssten dieselben Maßnahmen aber auch für die Geimpften gelten. Die Niederlande hatten zuletzt einen dreiwöchigen Lockdown für die gesamte Bevölkerung verhängt. In Österreich gilt derzeit ein Lockdown für Ungeimpfte. Allerdings fordern Wissenschaftler einen flächendeckenden Lockdown für alle.

"Die Rationale hinter einem Lockdown ist nicht mehr, die Zeit zu überbrücken, bis wir die Impfkampagne starten können", sagt Ulrichs. Das sei vor einem Jahr der Fall gewesen. Jetzt gehe es darum zu verhindern, dass sich die Ungeimpften infizieren und damit die Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenze bringen. "Deshalb muss ein Lockdown länger dauern, um die Durchseuchung unter den Ungeimpften abzubremsen." Wie lange, ließ der Epidemiologe aber offen. Zudem reiche es nicht mehr aus, derartige Maßnahmen regional zu verhängen. Dafür sei die vierte Welle schon zu weit vorangeschritten.