Kampf gegen Pandemie: Israel hat sich aus der vierten Welle rausgeboostert – ein Vorbild für Deutschland?

Israel ist vergleichsweise schnell durch die vierte Welle gekommen. Wie hat das Land das geschafft? Die Antwortet lautet: mit Boosterimpfungen und drastischen Einschränkungen für Ungeimpfte.

Kampf gegen Pandemie: Israel hat sich aus der vierten Welle rausgeboostert – ein Vorbild für Deutschland?

Israel ist vergleichsweise schnell durch die vierte Welle gekommen. Wie hat das Land das geschafft? Die Antwortet lautet: mit Boosterimpfungen und drastischen Einschränkungen für Ungeimpfte.

Vor einem Pop-up-Impfzentrum in Westjerusalem hat sich eine Schlange gebildet. "Ich bin hier, um meine dritte Dosis zu bekommen – es ist wirklich wichtig, damit sich Israel öffnen kann", sagt die Studentin Leah Powell der "Deutschen Welle". "An manchen Orten herrscht immer noch eine Maskenpflicht, aber es fühlt sich an, als würde das echte Leben zurückkommen."

Von diesem Gefühl kann man in Deutschland derzeit nur träumen. Während hierzulande die Infektionszahlen massiv ansteigen, hat Israel die vierte Welle bereits hinter sich. Noch im September meldete das israelische Gesundheitsministerium mehr als 11.000 Neuinfektionen pro Tag, so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Vergangene Woche lag die tägliche Infektionszahl nur noch bei rund 150. Nachdem sich Israel rund anderthalb Jahre nahezu komplett abgeschottet hat, öffnet das Land nun sogar wieder seine Grenzen für Geimpfte.

Was ist geschehen?

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Israels Erfolgsgeheimnis: Bei Anruf, Booster

Bereits Anfang des Jahres wurde Israel als Impfweltmeister bejubelt. Das Land hatte seine Impfkampagne Ende 2020 zügig auf den Weg gebracht und effektiv umgesetzt. Umso größer war der Schock, als sich im Sommer die besonders ansteckende Delta-Variante verbreitete und die Infektionszahlen erneut in die Höhe schießen ließ. Zudem stellten israelische Gesundheitsexperten fest, dass die Schutzwirkung des Pfizer/Biontech-Impfstoffs nach einigen Monaten stark nachlässt.

Auf Raten der Experten hin beschloss die Regierung von Ministerpräsident Naftali Bennett daher im Juli als weltweit erstes Land mit Boosterimpfungen zu starten. Nachdem zunächst ältere Bürgerinnen und Bürger priorisiert wurden, sind inzwischen vier Millionen Menschen drittgeimpft – knapp die Hälfte der Bevölkerung. "Es steht außer Frage, dass der dritte Impfstoff, der Booster, Israel gerettet hat", sagte der Epidemiologe Gabriel Barbash, einer der wichtigsten Gesundheitsexperten des Landes, der "Deutschen Welle". "Ich glaube, das Leben wird wieder normal werden, aber zu ein neues normal."

Organisiert wird die Impfaktion von den vier großen Krankenkassen des Landes. Um die Menschen zur Boosterimpfung zu motivieren, greifen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mancher Kassen sogar selbst zum Hörer: "Hallo, ich rufe an, um Ihren Termin für Ihre dritte Impfung zu vereinbaren."

Doch auch in Israel geht die dritte Impfrunde nicht geräuschlos vonstatten. Zwar ist die Impfskepsis in dem jüdischen Staat längst nicht so verbreitet wie in Deutschland oder einigen osteuropäischen Ländern, viele hatten dennoch gehofft, dass sich der Corona-Spuk mit den ersten beiden Impfungen erledigen würde. 

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Wer sich nicht impfen lässt, wird ausgeschlossen

Besonders wuchs die Unzufriedenheit als die Regierung festlegte, dass nur noch diejenigen als vollständig geimpft gelten, die bereits die dritte Dosis bekommen haben – oder deren zweite Impfung weniger als ein halbes Jahr zurückliegt. Nur diese Menschen können den sogenannten Grünen Pass erneuern, der Zutritt zu Restaurants, Kinos, Fitnessstudios und Museen gewährt. Damit stellt die Regierung die Bürgerinnen und Bürger vor die Qual der Wahl: Wer sich nicht boostern lässt, wird von einem Großteil des öffentlichen Lebens ausgeschlossen.

Gegen den wachsenden Druck auf Ungeimpfte wehrt sich eine kleine, aber lautstarke Minderheit. In Tel Aviv und anderen Städten gibt es Samstagabends kleinere Demonstrationen gegen die Impfpolitik der Regierung. Dennoch ist die deutliche Mehrheit der Bevölkerung dem erneuten Impfaufruf Bennetts – wenn auch unter Zähneknirschen – gefolgt. Die Freiheit wieder alles zu machen wiegt für die meisten doch schwerer, als sich dagegen zu sträuben. Doch das Problem bleiben diejenigen, die sich auch bisher nicht haben impfen lassen – vor allem ultraorthodoxe Juden und arabische Israelis. Seit Monaten steckt die Impfquote deswegen bei knapp über 60 Prozent fest.

Das könnte sich jedoch schon bald ändern: Am Montag gab die Regierung den Biontech-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren frei, laut Medienberichten könnten dann gut eine Million Fünf- bis Elfjährige die Impfung erhalten. Der Zeitung "Haaretz" zufolge fällt in der relativ jungen Bevölkerung des Landes fast jeder achte in diese Altersklasse, weshalb viele Experten das Erreichen einer Herdenimmunität ohne geimpfte Kinder für unmöglich halten.

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Israel als "Labor für die Welt"

Hoffnung macht auch eine aktuelle Studie aus Israel, die zeigt, dass sich die Wirksamkeit einer zweifachen Impfung mit dem Booster auf 93 Prozent erhöht. Ein Forscherteam verglich zwei gleichgroße Gruppen, von denen die eine bereits ihre Drittimpfung erhalten hatte, während bei der anderen die zweite Impfung mindestens fünf Monate zurücklag. Von den 1,5 Millionen Menschen, die in die Studie einbezogen waren, mussten 231 der doppelt Geimpften wegen einer Covid-Erkrankung ins Krankenhaus, bei den dreifach Geimpften waren es nur 29. Die Untersuchungsergebnisse wurden Ende Oktober im Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht.

"In Israel sind wir mit unserem Impftempo eine Art Labor für die ganze Welt. Wir erleben was die Welt, wie in den USA und in Europa erlebt, früher als andere Länder", erklärt der Epidemiologe Barbash. Wie lange die Immunität der dritte Impfung anhält, werde aktuell in Echtzeit-Studien untersucht.

Wenn Deutschland auch nur annähernd so glimpflich durch die vierte Welle kommen will, sollte es schleunigst anfangen die Lehren aus Israels Erfahrung zu ziehen: Erstens das Tempo bei den Boosterimpfungen und zweitens den Druck auf Ungeimpfte massiv zu erhöhen.

Vielleicht fühlt es sich dann auch hierzulande bald wieder an, "als würde das echte Leben zurückkommen".  


Quellen: "Deutsche Welle", "Süddeutsche Zeitung", "Tagesspiegel", "The Lancet", mit DPA