Impfschutz: Antikörpertest vor Booster-Impfung: Wie sinnvoll ist das?

Die Auffrischimpfung soll den Impfschutz noch einmal steigern, Durchbruchsinfektionen verhindern. Aber ist das wirklich schon wieder notwendig? Mancher Geimpfte ist skeptisch und macht vorab einen Antikörpertest. Eine gute Idee?

Impfschutz: Antikörpertest vor Booster-Impfung: Wie sinnvoll ist das?

Die Auffrischimpfung soll den Impfschutz noch einmal steigern, Durchbruchsinfektionen verhindern. Aber ist das wirklich schon wieder notwendig? Mancher Geimpfte ist skeptisch und macht vorab einen Antikörpertest. Eine gute Idee?

Deutschland steckt mitten in der vierten Corona-Welle. Und diese bricht alle (Negativ-)Rekorde. Das Robert Koch-Institut (RKI) muss derzeit so viele Neuinfektionen wie nie zuvor in der Pandemie melden. Am Mittwoch wurde mit knapp 53.000 Fällen ein neuer Höchststand erreicht, die Inzidenz klettert auf 319,5. Auch dieser Wert ist so hoch wie nie zuvor. Die Lage spitzt sich zu, auf den Intensivstationen werden die Betten knapp.

Gebetsmühlenartig werben Politiker und Experten weiterhin für die Impfung, die als schlagkräftigstes Mittel gegen das Virus gilt. In den Fokus rücken nun vermehrt wieder die, die sich der Impfung ohnehin nicht verwehren. Menschen, die bereits grundimmunisiert sind, können und sollen ihren Immunschutz durch den "Booster" noch einmal auffrischen. Ist die neuerliche Impfung wirklich notwendig? Antworten suchen einige in Antikörpertests. Aber wie aussagekräftig sind die Werte? Ein Überblick.STERN PAID Booster Impfung Fragen 10.05

Ist der Immunschutz messbar?

Wie gut und wie anhaltend der Immunschutz des Einzelnen ausfällt, ist nicht so leicht zu bemessen. "Antikörper sind wichtig, liefern aber keine klaren Aussagen", sagte Georg Behrens, Facharzt für Innere Medizin und Immunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover schon im Juli der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Die Werte seien schwer zu interpretieren. Ein Antikörperspiegel, der den einen ausreichend schütze, sei unzureichend für einen anderen. Dazu komme, dass die Immunantworten sehr unterschiedlich ausfielen, manche ohnehin nur sehr wenige Antikörper entwickelten. Dabei mischen verschiedene Faktoren mit wie das Alter oder auch ein durch Medikamente unterdrücktes Immunsystem. 

Außerdem sinkt der Antikörperspiegel mit der Zeit ab. Bei manchen schneller, bei anderen langsamer – vieles ist auch hierbei noch nicht bekannt. Und selbst Menschen mit einer hohen Antikörperkonzentration sind nicht hundertprozentig gefeit vor einer Infektion. Daher könnte ein solcher Test zwar eine Reaktion des Körpers auf eine Impfung nachweisen bei Menschen, die noch nicht mit dem Virus infiziert waren. "Um die Stärke oder Dauer des Impfschutzes nachzuweisen, eignen sich solche Tests aber nicht", so Behrens. Er plädiert für eine individuelle Einordnung der Werte.

Zudem sind neutralisierende Antikörper nur ein Teil der Immunantwort. Auch die T-Zellen arbeiten gegen das Virus. Ist die Antwort der T-Zellen stark, kann diese einen niedrigen Antikörperwert abfedern. Ein niedriger Antikörperspiegel geht also nicht unbedingt mit einem geringen Immunschutz einher. Im Gegensatz zu den neutralisierenden Antikörpern sind T-Zellen bisher allerdings im Labor nur kompliziert nachweisbar.AustrianImpfaktion 1755

Wie werden Antikörperwerte gemessen?

Neutralisierende Antikörper gegen Sars-CoV-2 werden im Blut nachgewiesen. In der Regel erfolgt das zunächst über eine herkömmliche Blutabnahme von Fachpersonal - also beim Arzt. Es werden inzwischen aber auch Selbsttests angeboten. Die Probe wird im Anschluss ins Labor geschickt.

Dort wird der sogenannte Titer bestimmt, also die Konzentration der neutralisierenden Antikörper im Blut. Dabei handelt es sich um den Nachweis von sogenannten Immunglobulin-G-Antikörpern (IgG) gegen das sogenannte Spike-Protein, welches das Virus zur Andockung an die menschlichen Zellen nutzt. Das Ergebnis liegt im Normalfall nach spätestens 48 Stunden vor.

Für die Bestimmung der Testwerte hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen den Schwellenwert BAU/ml als Standard definiert. Ein Grenzwert wurde bisher aber nicht festgelegt.

Welche Antikörperwerte sind gut?

Eine eindeutige Zahl lässt sich hier nicht nennen. Was man weiß: Viel hilft viel. So schreibt auch der Immunologe Carsten Watzl in einem Twitter-Thread, dass die Höhe der Antikörper mit dem Schutz korreliere. "Antikörperwerte über 1000 BAU/ml scheinen mit recht gutem Schutz vor symptomatischer Infektion zu korrelieren", schreibt er mit Blick auf mehrere Studien zu dieser Thematik. Darunter komme man "bald" in einen Bereich, in dem der Schutz nicht mehr so gut sei. "Wo aber der Grenzwert liegt, kann niemand seriös sagen", meint er. 

Klare Grenzwerte für Antikörper gegen Sars-CoV-2 wurden noch nicht definiert. Das heißt, dass ein Antikörpertest zwar gemacht werden kann, das Ergebnis aber wenig weiterhilft, da es keine klaren Maßgaben gibt, an denen man sich orientieren könnte. Es gibt allerdings Schätzungen. So schreibt Watzl, dass man, wenn der Wert unter 100 BAU/ml liege, wahrscheinlich nicht mehr gut vor einer symptomatischen Infektion geschützt sei. Wohlgemerkt: symptomatische Infektion. "Der Schutz vor schwerer Erkrankung kann immer noch hoch sein!", so Watzl.  Ein Grund zur Panik seien auch niedrige Antikörperwerte daher nicht. "Aber besser Booster-Termin vereinbaren".

Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte, wird genauer. Er schätzt, dass unter einem Wert von 21,8 BAU/ml kein messbarer Schutz durch Antikörper gegeben sei. Aber: "Nach meiner Einschätzung ist ein Wert von 500 so hoch, dass man nicht sofort eine Drittimpfung benötigt", so Bobrowski. 

Ist ein Antikörpertest vor der Auffrischungsimpfung sinnvoll?

Das Robert Koch-Institut hält es für Unsinn, vor dem Boostern den Antikörperspiegel zu checken. Begründet wird dies unter anderem damit, dass bisher kein Grenzwert definiert wurde. Anders ausgedrückt: Nur wer sehr viele (über 1000) oder sehr wenige Antikörper (nahe Null) im Blut hat, kann überhaupt etwas mit den Werten anfangen. Und dann auch nur unter Vorbehalt. Denn bekannt ist zum einen, dass der Antikörperspiegel mit der Zeit und unabhängig vom Vakzin absinkt. Zum anderen, dass viele weitere Faktoren zusätzlich zu den Antikörpern einen Einfluss auf den Immunschutz haben.

Für wen lohnt sich der Booster?

Für alle. Denn durch den Booster erhöht sich die Schutzwirkung, erklärt das RKI. Das betrifft auch Menschen, die einen hohen Antikörperspiegel im Blut haben. Dass diese keine Auffrischung bräuchten, sei ein Irrtum, der weit verbreitet sei. Schädlich sei eine Auffrischung nicht, Sicherheitsbedenken gebe es keine. Am wichtigsten ist der Booster für die Gefährdetsten, daher sollten sie prioritär die Auffrischimpfung erhalten.

Bislang empfiehlt die Stiko daher auch den Booster Menschen ab 70 Jahren, Menschen mit Immunschwäche, Bewohnern von Pflegeeinrichtungen sowie Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegepersonal. Empfohlen wird in der Regel ein Abstand von sechs Monaten zwischen Grundimmunisierung und Auffrischung. Theoretisch kann man sich auch schon eher impfen lassen. Menschen mit stark geschwächten Immunsystem können sich laut Stiko-Empfehlung schon nach 28 Tagen die dritte Dosis abholen. Dies gilt auch für alle, die als erste Impfung den Johnson & Johnson-Impfstoff bekommen haben.

Am heutigen Mittwoch berät das Gremium über eine Ausweitung der Empfehlung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte sich bereits zuvor dafür ausgesprochen, allen ab 18 Jahren die Auffrischimpfung zu ermöglichen.

Quellen: RKI, BDL, dpa