Frugalismus: Extremsparer Oliver wollte mit 40 Jahren in Rente gehen – dann kam das Leben dazwischen

Jahrelang verfolgte Frugalist Oliver Noelting den Plan, im Alter von 40 finanziell ausgesorgt zu haben. Dann wurde er Vater – und steckte sich neue Ziele. Was bleibt vom Traum der finanziellen Unabhängigkeit?

Frugalismus: Extremsparer Oliver wollte mit 40 Jahren in Rente gehen – dann kam das Leben dazwischen

Jahrelang verfolgte Frugalist Oliver Noelting den Plan, im Alter von 40 finanziell ausgesorgt zu haben. Dann wurde er Vater – und steckte sich neue Ziele. Was bleibt vom Traum der finanziellen Unabhängigkeit?

Als Oliver Noelting nach dem Studium seinen ersten Job als Softwareentwickler begann, leistete er sich weder ein Auto, noch eine große Wohnung. Auch an teure Urlaube, Flachbildfernseher und anderen materiellen Luxus verschwendete er keinen Gedanken. Stattdessen machte er sich einen Plan: Wenn er jeden Monat nur das Nötigste ausgäbe, und den Rest am Kapitalmarkt investiert, könnte er mit 40 Jahren genug Geld beisammen haben, um nie mehr arbeiten zu müssen.

Frugalismus nennt sich die Idee, durch Extremsparen schon in jungen Jahren finanziell ausgesorgt zu haben. Sie stammt aus den USA, wo unter dem Begriff "FIRE" (Financial Independence, Retire Early) eine Bewegung entstanden ist, deren Mitglieder vom vorzeitigen Ausstieg aus dem Hamsterrad Arbeitsleben träumen - und die sich in Blogs und Foren darüber austauschen.

Wie der Weg zur finanziellen Freiheit in Deutschland funktionieren kann, beschreibt Oliver Noelting seit bald sechs Jahren auf seinem bekannten Blog frugalisten.de. Dort gibt er detaillierte Einblicke in seine alltäglichen Ein- und Ausgaben sowie seine Spar- und Investmentstrategie. Diese sah vor, trotz gutem Gehalts einfach weiterzuleben wie ein Student und 70 Prozent des Arbeitseinkommens zur Seite zu legen. Bis zum 40. Geburtstag wollte Noelting so ein Vermögen von 425.000 Euro zusammenzusparen – und fortan von diesem Geld zu leben. Ein Masterplan, den viele Blog-Leser als Inspiration nahmen, um selbst auf die finanzielle Freiheit hinzuarbeiten. STERN PAID Negativzinsen 14.50

"Die Rente mit 40 ist tot"

Vor einigen Monaten aber schockte Noelting seine Frugalisten-Community mit einem Geständnis: "Die Rente mit 40 ist tot", schrieb Noelting in einem Blog-Beitrag. Darin erklärte der heute 32-Jährige, warum er von seinem Ziel, bis zum 40. Lebensjahr wie ein Berserker zu sparen, um dann in Frührente zu gehen, abrücke und fortan einen flexibleren Ansatz verfolge.

Der Hauptgrund ist so simpel wie menschlich: Noelting ist Vater einer kleinen Tochter geworden – und das hat auch die Prioritäten des überzeugten Frugalisten gehörig verschoben. "Einfach bis zu einem starren Betrag X weiter zu sparen, erschien mir plötzlich willkürlich" erklärt Noelting im Gespräch mit dem stern. Er wünschte sich mehr Freizeit mit seiner jungen Familie, und schraubte die Arbeitszeit und damit auch Einnahmen und monatliche Sparrate herunter. "Meine Tochter ist jetzt klein und süß. Von einer Stundenreduktion oder ein paar Elternzeitmonaten profitiere ich heute vermutlich mehr, als mit 40 den gesamten Tag frei zu haben", sagt Noelting.

Auch auf der Ausgabenseite hat sich durch die Familiengründung etwas getan. Neben Baby-Kram und Kita-Gebühren stand im Frühjahr der Umzug von der 2- in eine 3-Zimmer-Wohnung innerhalb des Mietshauses in Hannover an. Zudem besitzt die dreiköpfige Familie seit neuestem ein eigenes Auto. Und dass Noelting auch noch ehrenamtlich als Kassenwart der Elterninitiative arbeitet, die die Krippe betreibt, macht ihm zwar Spaß, zahlt aber natürlich auch nicht aufs Konto ein.

Ist die Idee der finanziellen Unabhängigkeit und der selbst erarbeiteten Ultra-Frührente also nur eine Illusion, die sich mit einem normalen Familienleben nicht vereinen lässt? Ist Noeltings Frugalismus-Experiment gescheitert? 

Es wird weitergespart

Diese Interpretation hält Noelting für "ein großes Missverständnis". Er habe von Anfang an gesagt, dass sich sein Plan mit den Lebensumständen ändern könne, wenn zum Beispiel Familie ins Spiel komme. Finanzielle Unabhängigkeit sei für ihn kein fixer Punkt mehr, den man erreiche oder nicht. Er versteht das große Ziel vielmehr als eine Richtung, in die man sich bewege und von der man auch schon unterwegs profitieren kann. "Je mehr Geld ich gespart habe, desto mehr Freiheit kann ich mir gönnen", sagt Noelting.

Aktuell steht sein Konto bei 180.000 Euro und trotz Vaterfreuden soll der Betrag weiter wachsen. Noelting arbeitet 24 Stunden in der Woche als angestellter Softwareentwickler bei einer Firma für Online-Steuererklärungen sowie rund 20 Stunden im Monat als freiberuflicher Programmierer. Da die Familie immer noch vergleichsweise spartanisch lebt und auch Freundin Joana wieder angefangen hat, zu arbeiten, konnte Noelting seine Sparrate zuletzt wieder steigern.

Rund 60 Prozent des Nettoeinkommens kann Noelting aktuell zur Seite legen, etwa 1200 Euro im Monat. Seine Investmentstrategie ist erstaunlich einfach. Das Geld fließt nicht in Bitcoins oder andere hochspekulative Wetten mit vermeintlichen Wunderrenditen, sondern ganz schnöde in ETF. Das sind breit gestreute passive Fonds, bei denen das Risiko von Kursschwankungen auf lange Sicht geringer ist als bei Einzelwerten. 80 Prozent von Noeltings Vermögen stecken in ETF, vor allem in Aktien, zu kleinen Teilen in Staatsanleihen, Immobilien-REITs und Rohstoff-Futures. Der Rest liegt zur Sicherheit auf dem Tagesgeldkonto. Rente mit 50 14.15

Neue Ziele

Der zwischenzeitliche Corona-Crash im vergangenen Jahr, der auch Noeltings Depot tief ins Minus riss, machte ihn nicht nervös. Mittlerweile verzeichnen die Börsen wieder Rekordstände. Wie ist nun Noeltings Plan, nachdem er die Rente mit 40 abgesagt hat? Auf die Rente mit 45 oder 50 hinarbeiten? Auf ein konkretes Alter will er sich lieber nicht mehr festlegen, ebenso wenig auf die Frage, was dann kommt: Gar nicht mehr arbeiten? Weniger arbeiten? Ein Sabbatical einlegen und um die Welt reisen? Alles möglich. "Aktuell kann ich mir gut vorstellen, dass ich mein Arbeitsleben in ein paar Jahren so gestalte, dass ich in den Ferienzeiten der Kinder komplett frei habe", sagt Noelting.

Um solche Optionen zu haben, empfiehlt Noelting den Frugalismus auch Menschen, die von vorneherein gar nicht die "Rente mit 40" als Ziel ausgeben. Letztlich bedeutet Frugalismus vor allem ein einfaches, bescheidenes Leben. Wer dazu noch gut verdient, kann träumen. Noeltings Tipp für alle jungen Berufsanfänger: "Gebt Vollgas, bis ihr die ersten 100.000 Euro habt." Bedeutet: Ein paar Jahre hart arbeiten, wertvolle Qualifikationen erlangen, viel verdienen – und von Beginn an jeden entbehrlichen Euro zur Seite legen, um den Zinseszins-Effekt auszunutzen. Dann kann eigentlich nur noch das Leben dazwischenkommen.

Auch Frugalist Noelting hat bei der Anpassung seiner Rente-mit-40-Strategie noch ein paar Denkaufgaben zu lösen. Denn bislang verfolgte er seinen Mastersparplan nur für sich. Freundin Joana und er haben bis heute getrennte Konten. Nun aber teilen sich beide nicht nur die Wohnung, sondern auch die Verantwortung für ein Kind. Das bringt neben gemeinsamen Ausgaben auch Fragen mit sich wie: Wer kann wieviel arbeiten, wer steckt beruflich zurück? Derzeit zahlt Noelting seiner Freundin, die mehr Zeit für die Kinderbetreuung aufwendet, eine Art monatlichen Einnahmeausfall, aber die Sache wird zunehmend schwierig auseinanderzurechnen. Einen fairen Finanzplan aufzustellen, der für die ganze Familie funktioniert, wird daher Noeltings nächstes Projekt.