Forderungen an neue Regierung: Warum der VW-Boss will, dass Benzin teurer wird und Fahrräder gefördert werden

Ein deutlich höherer CO2-Preis, früherer Kohleausstieg, Förderung von Fahrrädern: VW-Chef Herbert Diess hat zehn Forderungen an die neue Regierung formuliert. Sie klingen wie die eines Klimaaktivisten. Was steckt dahinter?

Forderungen an neue Regierung: Warum der VW-Boss will, dass Benzin teurer wird und Fahrräder gefördert werden

Ein deutlich höherer CO2-Preis, früherer Kohleausstieg, Förderung von Fahrrädern: VW-Chef Herbert Diess hat zehn Forderungen an die neue Regierung formuliert. Sie klingen wie die eines Klimaaktivisten. Was steckt dahinter?

Während sich die Parteien nach der Bundestagswahl sortieren und überlegen, wer mit wem welche Pläne umsetzen könnte, hat einer seinen Katalog für die neue Regierung schon fertig. VW-Chef Herbert Diess hat am Montag via Twitter zehn Wünsche an die neue Regierung formuliert. Das Bemerkenswerte daran: Die Forderungen lesen sich nicht wie die eines Autobosses, sondern wie die eines Klimaaktivisten.

"Die Tatsache, dass klimapolitische Reformen und die Modernisierung & Digitalisierung weit oben auf der Agenda stehen, ist eine gute Basis für die Koalitionsverhandlungen", schreibt der Chef von Europas größtem Autobauer. "Wir haben uns Gedanken gemacht & wünschen uns, dass folgende 10 Punkte in die Verhandlungen mit einfließen." 

Weg vom Verbrenner, hin zu E-Autos

Schon die erste Forderung von Diess hat es in sich: ein CO2-Preis von 65 Euro pro Tonne schon 2024. Der Autoboss fordert damit im Grunde, dass Benzin massiv teurer wird – und zwar noch teurer als es nach bisherigen Plänen sowieso schon kommen wird. Seit Jahresbeginn gilt ein nationaler CO2-Preis auf fossile Brennstoffe von 25 Euro je Tonne. Bis 2024 soll dieser nach bisherigen Regierungsplänen auf 45 Euro steigen. Diess fordert nun 65 Euro und sagt: "Nur spürbare Maßnahmen bringen die Dekarbonisierung voran."

Auch die weiteren Forderungen lesen sich wie vom Wunschzettel eines Klimaaktivisten. Diess will "Subventionen für fossile Kraftstoffe beenden" und den "Ausstieg aus der Kohle deutlich vorziehen". Er spricht sich für einen Ausbau der erneuerbaren Energien auf mindestens 255 Gigawatt bis 2030 und einen schnelleren Netzausbau aus. Die milliardenschwere Förderung von Dienstwagen solle sich künftig "auf Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb fokussieren".

Überhaupt wünscht er sich massiven Rückenwind für Elektroautos: Die Kaufprämie für E-Autos solle beibehalten und bis 2025 schrittweise verringert werden. Die Ladeinfrastruktur für Pkw und Lkw müsse massiv gefördert und ausgebaut werden. Fehlt eigentlich nur noch ein konkretes Datum für ein Verbot von Verbrenner-Fahrzeugen und fertig wäre die grüne Agenda. STERN PAID 38_21 Neustart Deutschland Mobilität 14.35

Forderungen in eigener Sache

All dies fordert Diess natürlich nicht ganz uneigennützig. Der Elon-Musk-Fan hat dem VW-Konzern eine konsequente Elektrostrategie verordnet und will ihn auch im post-fossilen Zeitalter als führende Macht in der Branche etablieren. 35 Milliarden Euro investiert Diess in den kommenden Jahren in die Transformation des Wolfsburger Riesen. Bis 2030 sollen E-Autos im europäischen Markt einen Anteil von 70 Prozent am Absatz erreichen. Zwischen 2033 und 2035 will VW in Europa komplett aus dem Geschäft mit Verbrennern aussteigen, in den USA und China etwas später.

Wie die meisten anderen Autohersteller setzt VW dabei auf die Batterietechnologie und nicht auf Wasserstoffautos, was einen weiteren Punkt in Diess' Twitter-Liste erklärt. "Grüner Wasserstoff ist kostbar und energieintensiv. Wird dringend benötigt für grünen Stahl und für Dekarbonisierung von Industrien wie Chemie und Zement", schreibt Diess. Ein klarer Wink an die nächste Regierung, sich bei Wasserstoffinitiativen bitte auf die Industrie und nicht auf den Verkehr zu konzentrieren – eine Ansicht, die auch von unabhängigen Klima- und Verkehrsexperten geteilt wird. 07: Elektrisches Spielmobil Gallery - f107daf53e2ca044

Überraschender erscheint dagegen zunächst, dass Diess neben einer staatlichen Kaufprämie für seine E-Autos auch eine Förderung von Fahrrädern, E-Bikes und elektrifizierten Carsharing-Diensten als "Muss" bezeichnet. Will der Automanager etwa das eigene Auto überflüssig machen? Diess hat jedenfalls erkannt, dass zur Mobilität der Zukunft mehr gehört als einfach nur Verbrenner-Pkw durch E-Autos zu ersetzen. Mit dem Car-Sharing-Dienst WeShare und der Sammeltaxi-Alternative Moia setzt der Konzern in einigen Städten bereits selbst auf solche Angebote. Dementsprechend fordert Diess auch: "Ridepooling dem ÖPNV gleichstellen."

Die letzten beiden Punkte in Diess' Wunschliste an die nächste Regierung betreffen die Zukunft des autonomen Fahrens. So wünscht sich Diess Sicherheit bei den Fahrzeugdaten und ein flächendeckendes 5G-Netz als notwendige Infrastruktur.

Unterm Strich zeigt die Analyse der Forderungen, dass der VW-Chef nicht plötzlich zu Fridays for Future übergelaufen ist, sondern als Anwalt in eigener Sache auftritt. Er fordert von der Politik Leitplanken, um seinen Industriekonzern erfolgreich ins Elektrozeitalter führen zu können. Die Aktion liefert all jenen neues Futter, die sagen: Die Wirtschaft ist an vielen Stellen längst bereit, auf grüne Technologien umzustellen, wenn die Politik nur endlich einen verlässlichen Rahmen vorgibt.