Covid-19 in Österreich: Große Nachfrage nach Anti-Wurmmittel: Der gefährliche Hype um Ivermectin

Belege, dass Ivermectin gegen Corona wirkt, gibt es nicht. Doch das hat FPÖ-Chef Herbert Kickl nicht davon abgehalten, das Mittel als Behandlungsoption gegen das Coronavirus ins Spiel zu bringen. Österreichische Apotheken melden derweil eine große Nachfrage nach dem Anti-Wurmmittel.

Covid-19 in Österreich: Große Nachfrage nach Anti-Wurmmittel: Der gefährliche Hype um Ivermectin

Belege, dass Ivermectin gegen Corona wirkt, gibt es nicht. Doch das hat FPÖ-Chef Herbert Kickl nicht davon abgehalten, das Mittel als Behandlungsoption gegen das Coronavirus ins Spiel zu bringen. Österreichische Apotheken melden derweil eine große Nachfrage nach dem Anti-Wurmmittel.

Österreichische Apotheken verzeichnen eine große Nachfrage nach dem Anti-Wurmmittel Ivermectin, das bei Tieren und Menschen gegen Infektionen mit Parasiten, darunter Würmer und Milben, zum Einsatz kommt. In bestimmten Kreisen wird das Mittel bereits seit längerem als vermeintlicher Geheimtipp gegen das Coronavirus gehandelt. Doch wissenschaftliche Beweise, dass das Mittel bei Covid-19 eine Wirksamkeit entfaltet, gibt es nicht. Auf der anderen Seite kann das Mittel bei falscher oder unbedachter Einnahme zu schweren Vergiftungen führen, warnen Gesundheitsbehörden.STERN PAID 47_21 Keine Rücksicht auf die Rücksichtslosen! 9.12

"Ivermectin ist immer wieder ausverkauft, und das, obwohl es rezeptpflichtig ist", wird Thomas Veitschegger, Präsident der Oberösterreichischen Apothekerkammer im Portal "OÖ Nachrichten" zitiert. Viele Leute nähmen das Medikament "völlig falsch" ein. "Sie nehmen die weitaus höhere Dosis, die eigentlich für Pferde gedacht ist", sagte der Apotheker. "Es gab schon Vergiftungen." Nebenwirkungen des Mittels können zudem Fieber, Hautjucken, Ödeme, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Erbrechen und/oder Übelkeit, Funktionsstörungen der Leber sowie asthmatische Anfälle sein.

Ein Sprecher der Oberösterreichischen Apothekerkammer bestätigte gegenüber dem stern die große Nachfrage, äußerte sich aber zurückhaltend auf die Frage, ob das Mittel derzeit in der Region tatsächlich ausverkauft sei. Er verwies auf die Möglichkeit, dass einzelne Apotheken das Mittel noch vorrätig haben könnten. 

Erst Anfang November hatte Herbert Kickl, der impfskeptische Chef der rechten FPÖ, das Mittel als Behandlungsoption gegen Covid-19 ins Gespräch gebracht. Kickl ist mittlerweile selbst am Coronavirus erkrankt, wie er Montag auf seiner Facebook-Seite bekanntgab. In Österreich sind die Corona-Fallzahlen aktuell sehr hoch. Die Sieben-Tage-Inzidenz kletterte zuletzt über 950 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Kliniken sind am Rand der Belastungsgrenze. 

Ivermectin: Kein Wundermittel gegen Corona

Aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht ist der Hype um das Mittel höchst kritisch zu sehen. Zwar liefern Laboruntersuchungen Hinweise, dass Ivermectin die Vermehrung des Coronavirus hemmen kann. Das allein bedeutet aber nicht, dass das Mittel auch außerhalb des Labors wirkt und Patienten von der Einnahme profitieren. Auch für das zu Beginn der Pandemie gehypte antivirale Mittel Hydroxychloroquin gab es zunächst Daten aus Laborstudien, die vielversprechend wirkten. In den anschließenden klinischen Studien floppte das Medikament aber. 

Eine im Juli veröffentlichte Analyse der renommierten Cochrane Collaboration fand keine Hinweise darauf, dass Ivermectin den Zustand von Covid-19-Erkrankten verbessert oder die Zahl der Todesfälle reduziert, verglichen mit einer Standardbehandlung oder einem Placebo. Auch eine Sars-CoV-2-Infektion verhindern könne das Medikament auf Basis der vorliegenden Daten nicht. In die Metaanalyse flossen die Daten von 14 Studien mit insgesamt 1678 Probandinnen und Probanden ein. 

Das Cochrane-Forschungsteam kam demnach zu dem Schluss, dass die bisherige Evidenz "keine Verwendung von Ivermectin zur Behandlung oder Prävention von Covid-19" rechtfertige. Allerdings verwiesen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf, dass weitere Untersuchungen notwendig seien, da bisherige Studien vergleichsweise klein waren und von methodisch eingeschränkter Qualität. 

Leitlinie gegen Einsatz von Ivermectin

Eine kürzlich aktualisierte Leitlinie zur stationären Therapie von Covid-19-Patienten spricht sich gegen den Einsatz von Ivermectin bei hospitalisierten Patienten aus. Der Nutzen des Mittels sei "unsicher", zudem gebe es potenziell toxische Effekte und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, heißt es darin zur Begründung.

Das Robert Koch-Institut (RKI) betont, dass Ivermectin nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen ist und "nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien" zum Einsatz kommen sollte. Bei einem unkontrollierten Einsatz könne es andernfalls zu schwerwiegenden Vergiftungen kommen.

Auch die US-amerikanische Arzneimittel-Behörde FDA warnt vor den Gefahren einer unbedachten Einnahme: "Sie haben vielleicht gehört, dass es in Ordnung sei, große Mengen von Ivermectin einzunehmen", heißt es auf der FDA-Website. "Es ist nicht in Ordnung."

In den USA wurde zuletzt eine starke Zunahme bei den Verschreibungszahlen von Ivermectin beobachtet. Zugleich mehrten sich Notrufe wegen möglicher Vergiftungen in Zusammenhang mit der Arznei. 

Fazit

Ein Nutzen von Ivermectin gegen Covid-19 ist nach aktuellem Wissensstand nicht belegt, auf der anderen Seite drohen bei unbedachter Einnahme schwere Nebenwirkungen. Gesundheitsbehörden und Mediziner raten deshalb von der Einnahme außerhalb von klinischen Studien dringend ab.

Der dünnen Datenlage bei Ivermectin stehen umfassende Daten zum Nutzen und zur Sicherheit der Covid-19-Impfstoffe gegenüber – etwa eine Untersuchung des französischen Epi-Phare-Instituts mit Daten von rund 7,7 Millionen vollständig geimpften Personen ab 50 Jahren und ebenso vielen Ungeimpften. Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca senkten demnach die Zahl zu erwartender schwerer Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe um mehr als 90 Prozent. 

Quellen: Cochrane / Robert Koch-Institut (RKI) / Gelbe Liste