Corona trotz doppelter Impfung: Was über die Krankheitsschwere nach Impfdurchbrüchen bekannt ist

Mit der Zeit lässt der Immunschutz nach der Impfung nach. Ein sogenannter Impfdurchbruch wird wahrscheinlicher. Wie verlaufen die Infektionen trotz Impfung? Und was bedeutet das für die Booster-Impfungen? Ein Blick in die Daten.

Corona trotz doppelter Impfung: Was über die Krankheitsschwere nach Impfdurchbrüchen bekannt ist

Mit der Zeit lässt der Immunschutz nach der Impfung nach. Ein sogenannter Impfdurchbruch wird wahrscheinlicher. Wie verlaufen die Infektionen trotz Impfung? Und was bedeutet das für die Booster-Impfungen? Ein Blick in die Daten.

Doppelt geimpft und trotzdem mit dem Coronavirus angesteckt? Immer wieder ist im Familien- oder Freundeskreis von solchen Fällen zu hören. Zeigen betroffene Personen Symptome, haben Fieber, Husten oder Halsschmerzen, sprechen Mediziner von einem sogenannten Impfdurchbruch – also einer Covid-19-Erkrankung trotz vollständiger Impfung. Etwas mehr als 214.800 solcher Fälle hat das Robert Koch-Institut (RKI) seit Anfang Februar 2021 gezählt. Dem gegenüber stehen mehr als 56 Millionen vollständig geimpfte Personen in Deutschland.STERN PAID Booster-Impfungen Studien 17.00

Wichtiger als die Frage, ob sich Geimpfte mit dem Virus anstecken können, ist aber der Blick darauf, wie Durchbruchsinfektionen verlaufen – also ob Erkrankte trotz Halskratzen vor schweren Verläufen, Krankenhauseinweisung, Intensivstation oder gar Tod durch Covid-19 geschützt sind. Schließlich sind es diese Fälle, die es zu verhindern gilt – nicht nur im Interesse des Einzelnen, sondern auch mit Blick auf die Kapazitäten in den Kliniken.

Dass sich auch geimpfte Personen mit dem Virus anstecken und für einige Tage Fieber oder Husten entwickeln können, ist zunächst einmal nicht überraschend und zeigte sich bereits in den Zulassungsstudien. Auch die besonders ansteckende Virusvariante Delta stellt den Immunschutz auf die Probe und führt dazu, dass sich Geimpfte etwas häufiger als mit früheren Virusvarianten infizieren. Hinzu kommt: Der Immunschutz vor Ansteckung beginnt etwa zwei bis drei Monate nach der Impfung nachzulassen und ist nach vier bis sechs Monaten bereits merklich reduziert.

Eine US-amerikanische Auswertung von mehr als 3,4 Millionen elektronischen Krankenakten zeigte, dass der Ansteckungsschutz von Covid-19-Geimpften (Biontech/Pfizer) gegen Delta in diesem Zeitfenster von 93 Prozent auf 53 Prozent zurückging. Dem gegenüber stehen Daten, die verdeutlichen, dass es nach wie vor mehrheitlich ungeimpfte Personen sind, die sich mit dem Coronavirus infizieren – die Inzidenzen liegen hier deutlich höher, auch wenn gewisse Verzerrungen durch ein unterschiedliches Testverhalten zu erwarten sind.

Coronavirus: Ungeimpfte sind gefährdeter

Was aber ist über Krankheitsverläufe nach einem Impfdurchbruch bekannt? Michael Klompas, Professor an der Harvard Medical School, ist dieser Frage in einem Übersichtsartikel nachgegangen und hat Positives zu verkünden: Geimpfte sind im Falle einer Infektion mit Sars-CoV-2 wesentlich besser geschützt als ungeimpfte Personen.Boostern oder nicht: Klarheit durch Antikörpertest 13.10

"Geimpfte Personen mit Durchbruchsinfektionen entwickeln seltener Symptome, entwickeln seltener schwere Symptome, erholen sich schneller von ihrer Krankheit und müssen seltener ins Krankenhaus als ungeimpfte Personen", schreibt der Mediziner und Experte für Infektionskrankheiten in dem Jama-Editorial. Auch vor Tod durch Covid-19 sind Geimpfte wesentlich besser gefeit: Ihr Risiko, an Covid-19 zu sterben, ist 32-Mal niedriger als das von Ungeimpften, wie eine Auswertung der britischen Statistikbehörde kürzlich ergab.

Weitere Daten untermauern die hohe Schutzwirkung, darunter eine Untersuchung des französischen Epi-Phare-Instituts mit Daten von rund 7,7 Millionen vollständig geimpften Personen ab 50 Jahren und ebenso vielen Ungeimpften. Demnach senkten die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca die Zahl zu erwartender schwerer Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe um mehr als 90 Prozent. 

Was folgt aus diesen Daten? Geimpfte Personen haben zunächst einmal ein wesentlich geringeres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben als Ungeimpfte. Doch bekannt ist mittlerweile auch, dass nicht alle Personen gleichermaßen von der Grundimmunisierung mit zwei Impfdosen profitieren. Hochrisikogruppen, darunter Menschen mit Autoimmunerkrankungen, bestimmten Krebs-Erkrankungen sowie Ältere, bilden meist von vornherein weniger Antikörper als jüngere, gesunde Menschen. Hinzu kommt: Nicht nur die Impfwirksamkeit gegen Ansteckung, sondern auch jene gegen Hospitalisierung und Tod flaut mit der Zeit etwas ab, wenn auch wesentlich langsamer als der Schutz vor Ansteckung. 

Eine noch nicht begutachtete Auswertung der britischen Gesundheitsbehörde "Public Health England" zeigt, dass die Impf-Wirksamkeit gegen Hospitalisierung nach fünf Monaten noch bei 77 Prozent liegt – für den Impfstoff von Astrazeneca. Besser schneidet der Biontech/Pfizer-Impfstoff ab: Er wirkte nach fünf Monaten noch zu 92,7 gegen eine Krankenhauseinweisung und damit vor entsprechend schweren Verläufen.

Mehr Geimpfte, mehr Impfdurchbrüche

Corona Schwer krank trotz zweifacher Impfung 21.13Die Zahlen verdeutlichen, dass das Gros der Geimpften auch Monate nach der Impfung noch sehr sicher vor schweren Verläufen geschützt ist – dass es allerdings auch Personen gibt, die trotz Impfung schwer erkranken können. Eine Studie aus Israel kam zu dem Ergebnis, dass es eher ältere sowie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind, die nach einem Impfdurchbruch auf eine Behandlung im Krankenhaus angewiesen sind – also eben jene Menschen, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben und denen die Ständige Impfkommission (Stiko) bereits seit mehreren Wochen einen Booster, also eine Auffrischimpfung, ab sechs Monaten nach der letzten Impfung empfiehlt. Im Einzelfall oder bei ausreichend Kapazitäten könne auch eine Verkürzung des Impfabstands auf fünf Monate "erwogen" werden, schreibt die Stiko.

Aktuell seien 37,8 Prozent der über 60-jährigen Covid-Fälle auf Intensivstationen "wahrscheinliche Impfdurchbrüche", teilte das RKI mit. In der jüngeren Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen liegt die Zahl niedriger – bei 13,1 Prozent. Zu beachten ist aber, dass die Impfquote in beiden Altersgruppen recht hoch ist. Warum dieser Punkt so wichtig ist, verdeutlichte die Epidemiologin Berit Lange vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung kürzlich gegenüber der "Braunschweiger Zeitung": "Keine Impfdurchbrüche gibt es nur dort, wo niemand geimpft ist", sagte sie. "Wenn umgekehrt 100 Prozent der Menschen geimpft wären, dann müssten auch 100 Prozent der Corona-Fälle auf den Intensivstationen Impfdurchbrüche sein. Das Entscheidende ist: Es wären dann absolut viel weniger Fälle als jetzt."

Impflücken schließen, boostern

Aus all diesen Zahlen und Statistiken folgen zwei Dinge, die kurzfristig und in der aktuellen Situation wichtig sind: Erstens die Erkenntnis, dass die Impfung schützt und dass es Ungeimpften, allen voran Älteren und Vorerkrankten, dringend anzuraten ist, sich impfen zu lassen – insbesondere angesichts der aktuell hohen Infektionszahlen. Und zweitens: Dass bereits vor einigen Monaten geimpfte Risikogruppen besonders von einem Booster profitieren. Er senkt das Risiko für schwere Verläufe, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle zusätzlich und führt dazu, dass die Zahl der Antikörper und Immunzellen im Körper wieder hochfährt und zeitweise sogar das Niveau nach einer Zweitimpfung übersteigt.

Auch Erwachsenen ab 18 Jahren wird der Booster seit dieser Woche von der Stiko empfohlen. Neben der "Aufrechterhaltung des Individualschutzes" spielt bei der erweiterten Empfehlung noch eine zusätzliche Überlegung eine Rolle: Sind ausreichend viele Menschen auch in jüngeren Jahrgängen geboostert, hat das aller Voraussicht nach auch Einfluss auf die Ausbreitung des Virus. Entstehen würde so eine Art zusätzlicher Schutzschirm für Risikogruppen.

Ob das gegenwärtige Impftempo allein allerdings ausreicht, um die dynamisch wachsende Zahl der Neuinfektionen zu drücken, ist mehr als fraglich. Bislang wurden erst knapp 5,2 Millionen Auffrischimpfungen in Deutschland gesetzt.

Bund und Länder haben am Donnerstag beschlossen, dass verschärfte Corona-Schutzmaßnahmen und Beschränkungen greifen sollen, sobald die Hospitalisierungsinzidenz gewisse Schwellen erreicht. Experten sind sich sicher: Die Maßnahmen, allen voran solche zur Kontaktbeschränkung, werden bei besonders hohen Infektions- und Hospitalisierungszahlen gebraucht.