Corona-Kommunikation: Mertens, Laumann und die Pandemie der Unsäglichen

Im Wahlkampf wurde sie weggeschwiegen, in Talkshows wird sie zerredet, doch die Pandemie ist immer noch da. Und wie! Was fehlt ist eine gute Kommunikation, um einen klaren Kurs durch diese Krise vorgeben zu können. Stattdessen gibt's Kakofonie in der Dauerwelle.

Corona-Kommunikation: Mertens, Laumann und die Pandemie der Unsäglichen

Im Wahlkampf wurde sie weggeschwiegen, in Talkshows wird sie zerredet, doch die Pandemie ist immer noch da. Und wie! Was fehlt ist eine gute Kommunikation, um einen klaren Kurs durch diese Krise vorgeben zu können. Stattdessen gibt's Kakofonie in der Dauerwelle.

Zum Einstieg mal kurz aus dem Nähkästchen geplaudert: In der Wohnung meiner verstorbenen Oma hing ein Sinnspruch an der Wand. "Nicht ärgern, nur wundern", stand da. Das ist ewig her, doch in diesen coronatrüben Herbsttagen taugte der Spruch durchaus als Motto, um einigermaßen mit Restgelassenheit durch die Pandemie zu kommen. Aber: Nichts hält ewig, und so ist nun leider der Punkt erreicht, an dem sich der Spruch rumdreht: "Nicht wundern, nur ärgern".

Denn wen wundert's wirklich noch, dass der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, ausgerechnet in einer Talkshow durchblicken lässt, dass sein Gremium bald die Booster-Impfungen für alle Erwachsenen empfehlen wird. Aber ärgern muss einen das sehr wohl, denn die Auffrischung der Immunisierung ist schließlich eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Thema derzeit, da das Pandemie-Management einmal mehr aus dem Ruder läuft. Und da sollte man doch erwarten dürfen, dass von offizieller Seite wenigstens alles getan wird, die Bevölkerung in angemessener Form informiert zu halten, und nicht im Plauderton zu später Stunde bei "Markus Lanz" etwas so Wichtiges mal kurz weg zu erzählen.In welchen Bundesland welche G-Regel gilt 11.45

Stiko-Chef Mertens: "Es war ja allgemein bekannt"

Noch etwas anderes erzählte Mertens in aller scheinbarer Gelassenheit bei Lanz – und auch da schwillt einem der Kamm. Nämlich, dass ihm und der Fachwelt aufgrund von Modellierungen schon im Juli (!) sehr klar gewesen sei, dass es mit der nächsten Corona-Welle so kommt wie es jetzt tatsächlich gekommen ist, wenn man denn nichts dagegen unternimmt. Das habe er auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mal erzählt. Nicht mit dieser vollen Dringlichkeit, aber mal am Telefon, mal über den Mitteilungsdienst Signal. Dringlich nicht, weil es ja ohnehin allen bekannt war. Klingt nach dem alten niederrheinischen Spruch "Alle haben et zwar jewusst, aber nix jesacht". Man will ja die Pferde nicht unnötig scheu machen. Stattdessen die Pandemie als Plauderstündchen. Da kann man dann auch schon mal mit den Zahlen durcheinander kommen, oder? 32 Kinder mit Corona auf Intensiv? Oder 32 gestorben? Oder doch 35? Mertens bei Lanz: "Ist egal." "Professor Mertens merkt in seiner argumentativen Rationalität nicht einmal, was er gerade damit sagt und anrichtet", twitterte der Hausarzt Christian Kröner dazu – auch schon mal Gast bei Lanz. Wie wahr!

Apropos Hausarzt. Kröner und seine Kollegen seien ja stark gefordert zurzeit, hat Mertens erkannt. Auch das ist aber längst noch nicht überall angekommen. Auch nicht in der Politik, namentlich bei Karl-Josef Laumann (CDU). Der NRW-Gesundheitsminister schaffte es doch laut einem Bericht der "Ärzte-Zeitung" tatsächlich just auf einer Medizinmesse, der Medica in Düsseldorf, folgende Forderung an die Ärzteschaft zu richten: "Statt Golfplatz am Samstag Impfen am Samstag!" Bravo, Herr Minister! Auf die Schnelle mal die beleidigen, auf die es in den nächsten Monaten ankommen wird. So bringt man die Kampagne bestimmt ordentlich in Schwung. Wie war das noch? "Nicht ärgern, nur wundern"?

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"Wenn ich da missverstanden worden bin ..."

Dummerweise wird es leider nicht besser. Durch eine neue Regierung zum Beispiel. Dieser Tage verkündete Katrin Göring-Eckardt (Grüne) groß, dass sich die Ampel-Parteien einig seien über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Wenig später dann: Noch keine Einigung! "Wenn ich da missverstanden worden bin, ..." Auch schon egal. Die Corona-Kakofonie läuft in Dauerwelle, PR- und Kommunikationsberater sind offenbar im Lockdown. Es ist (auch) eine Pandemie der Unsäglichen. Die aber werden es richten müssen. Da bleibt einem vorerst nur: Impfen lassen, Maske auf, immer noch soweit wie möglich zu Hause bleiben und sich darüber wundern, worüber man sich eigentlich ärgern müsste. Wir sehen uns, wenn der Spuk vorbei ist.