Ach, Mensch – Gesellschaftskolumne: Von der Pflicht zu schützen

In der selbst verschuldeten Unübersichtlichkeit der Pandemie kann nur noch ein Krisenstab für Klarheit sorgen.

Ach, Mensch – Gesellschaftskolumne: Von der Pflicht zu schützen

In der selbst verschuldeten Unübersichtlichkeit der Pandemie kann nur noch ein Krisenstab für Klarheit sorgen.

Eine der bedenklichsten Nebenwirkungen der Pandemie ist das zerbröckelte Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Staates. Der Apparat, der uns jahrzehntelang das Gefühl gab, dass wir in Sicherheit leben: Er ist beschädigt. Als Kind habe ich die Schneekatastrophe Ende 1978 in Schleswig-Holstein erlebt. Nicht eine Sekunde lang haben meine Familie und ich damals befürchtet, auch nur annähernd in Gefahr zu sein. Dabei waren Landstriche ohne Strom, die Straßen waren gesperrt, Panzer der Bundeswehr mussten Eingeschneite befreien, Hubschrauber Lebensmittel heranfliegen.

stern-Chefredakteur Florian Gless
stern-Chefredakteur Florian Gless schreibt hier jede zweite Woche über die Herausforderung, einfach Mensch zu sein
© Carolin Windel/stern

Ich weiß, dass eine solche Wetterkatastrophe nicht mit der bald zweijährigen Pandemie zu vergleichen ist: Aber damals, als Zehnjähriger, lernte ich, dass ich getrost Urvertrauen in den Staat haben kann. Er kümmert sich. Und heute? Heute walzen meterhohe Flutwellen durchs Ahrtal, und es heulen nicht einmal die Sirenen. Aber davon will ich gar nicht anfangen.

Eindrucksvoll beweist der Staat in diesen Tagen, wie weit er davon entfernt ist, das Virus in den Griff zu bekommen. Gefangen in falscher Rücksichtnahme, naiv in der Hoffnung auf bessere Zahlen, unfähig, geschlossen zu handeln, geschweige denn zu kommunizieren. Damals unterbrach Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg seinen Weihnachtsurlaub, bildete einen Krisenstab in Kiel – und legte los.

Zurück bleibt ein Volk von Einzelschicksalen

Sehenden Auges sind die heute Verantwortlichen in die vierte Welle gepaddelt. Jetzt bäumt sie sich auf und bricht über ihnen zusammen. Zurück bleibt ein Volk von Einzelschicksalen: vollständig geimpft, einmal geimpft, geboostert, freiwillig ungeimpft, unfreiwillig ungeimpft, genesen, infiziert mit leichten, mittleren oder schweren Symptomen, infiziert ohne Symptome. Geimpft und infiziert, geimpft und erkrankt. Astra-geimpft. Biontech-geimpft. Johnson&Johnson-geimpft. Und so weiter.

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Dagegen kann auch der Staat nichts tun. Aber gerade weil das Pandemiegeschehen so unübersichtlich ist, braucht es eindeutige Ansagen. Eine Richtung. Ein Ziel. So ist jeder Einzelne auf sich allein gestellt und muss abwägen, wie er sich verhält. Das mag für einige das Ideal des freien Bürgers sein, für viele ist es eine Überforderung. Selten habe ich so viele genervte Menschen um mich herum erlebt wie jetzt. Die Furcht, dass trotz Impfung und Abstand ein jeder die Delta-Variante übertragen kann, stresst enorm. Umso mehr, wenn in Teilen der Gesellschaft das Virus immer noch nicht ernst genommen wird.

Das Einzige, was jetzt noch hilft, ist die sofortige Einberufung eines Krisenstabs

Auch wenn Wissenschaftler und Ärzte sich in Einschätzungen geirrt haben: Ihre Empfehlungen haben weniger Schaden angerichtet als das Zögern und Zaudern in Bund, Ländern und Kommunen. Der Brandbrief, den 35 Experten und Regierungsberater am Wochenende veröffentlicht haben, fällt vernichtend aus: "Eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen wurde deutlich kommuniziert, aber leider nur zögerlich, unvollständig oder nicht nachhaltig umgesetzt (...). Wir empfinden eine tiefe Enttäuschung über die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts."

Diskussion um Impfpflicht nimmt Fahrt auf 10.56

Das Einzige, was jetzt noch hilft, ist die sofortige Einberufung eines Krisenstabs, so wie ihn auch die Fachleute in ihrem Brandbrief vorschlagen. Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière, ein erfahrener Polit-Manager, fordert schon lange einen nationalen Krisenstab, der für klare, nachvollziehbare Entscheidungen sorgt. Nicht nur in der Pandemie, sondern generell, denn "Krisen gehören zu unserem Leben". Und die höchste Pflicht des Staates ist es, uns vor ihnen zu schützen.

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